Wert der Arbeit – Wert der Freizeit

Wert der Arbeit – Wert der Freizeit

Walther von Eulensteyn, Potsdam 5.6.2014

„Lieber irgend Etwas tun, als Nichts“ — auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen. Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugeben, im beständigen Sich-Verstellen oder Überlisten oder Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, Etwas in weniger Zeit zu tun, als ein Anderer.“ Dies schrieb Nietzsche im Jahre 1882. Die Aussage hat dabei meiner Auffassung nach allerdings nichts von seiner Bedeutung verloren. Es tritt viel eher wieder einmal Nietzsches Prophetengabe zutage:

Den Ausspruch: „Lieber irgend Etwas tun, als Nichts“, sehe ich dabei als den unsichtbaren Wahlspruch über dem Jobcenter. Hingegen den Satz: „Die eigentliche Tugend ist jetzt, Etwas in weniger Zeit zu tun, als ein Anderer“ als den unkritisierten Wahlspruch über jeder Universität.

Ich lese in der Zeitung: Ein 21-jähriger Praktikant einer Bank fällt tot unter der Dusche um. Nicht mehr sage ich heute Abend zum Stichwort „Lebensqualität“. Auch will ich niemanden mit Zahlen langweilen, sage es aber dennoch kurz: Fast sieben Millionen Deutsche haben eine 45-Stundenwoche. Hingegen gibt es fast 3 Millionen Arbeitslose und fast 4 Millionen Unterbeschäftigte. Diese entsprechen also jenen 7 Millionen, die meines Erachtens zu viel arbeiten, denn trotz technischen Fortschritts, und darin liegt eine Absurdität der Moderne, wird noch viel zu viel gearbeitet, bzw. auf der Arbeit gefaulenzt, was ich im Sinne des produktiven Otiums als unproduktive Zeitverschwendung erachten muss. Die Freizeit hingegen wurde jüngst von den Medien zum Luxusgut erklärt. Es ergibt sich also eine deutliche Ambivalenz zwischen zwei essentiellen Lebensbereichen des Menschen:

Oswald Spengler, der ernstzunehmende „Sarrazin“ des letzten Jahrhunderts, schreibt dazu: „Man unterscheide in aller Modernität wohl die populäre (antik empfundene, statische) Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit, Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den Massen weder verständlich noch erwünscht ist, die großartige Idealisierung des Zweckes und also der Arbeit. Will man dem römischen „Panem et circenses“, dem letzten epikuräisch-stoischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol des Nordens zur Seite stellen, so muß es das Recht auf Arbeit sein, das schon dem durch und durch preußisch empfundenen, heute europäisch gewordnen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht zur Arbeit gipfeln wird.“

Das Recht auf Arbeit wird also als Pflicht zur Arbeit ausgelegt! Auch Sokrates wird von seiner Frau beschimpft wird, er solle mal arbeiten, anstatt „nur“ zu reden. Der Mensch aber braucht nicht die Arbeit – er braucht das Geld. Zu behaupten, er brauche ebenso die Arbeit-an-sich, ist dabei die moralische Großlüge der Moderne, die sich gut auf dem Sklavenmarkt der Lohnarbeit, vor allem dem der Zeitarbeit vermarkten lässt.

Die Rechte werden also konsequent mit den Pflichten verwechselt, obgleich ein Recht ja selbstredend den Ausdruck eines Dürfens und nicht eines Sollens darstellt. So habe ich als natürliche Person zwar allerlei Rechte auf irgendetwas, wovon die Gesellschaft allerdings behauptet, ich hätte ebenso eine Pflicht dazu. So komme ich aufs Jobcenter als Bittsteller und trage mein Recht auf Arbeit vor und verlasse dieses mit einer Pflicht zu irgendeiner Arbeit. Das „Helfen“ dient hierbei schließlich psychologisch gesehen als Besitzwerdung des zu Helfenden. Schließlich wird man beim Jobcenter als „Kunde“ bezeichnet. Dies alles muss ich freilich ablehnen und mich fragen, weshalb ihr überhaupt eure Freigeister, die schließlich nur sich selbst gehören, ausbildet, wenn ihr am Ende wie kleine Kinder eure eigene Medizin nicht schlucken wollt?

Wie immer zeigt man nun lieber mit dem Moralfinger auf die kleine Gruppe ehrlicher Taugenichtse, die so bedeutungslos für das Ganze sind, dass sie sich auch überhaupt nicht wehren können. Allerdings habe ich für meinen Teil meine Gründe. Meine Arbeit, die keine Lohnarbeit ist, ist zum einen moralisch integer, ganz im Gegensatz zur Arbeit des Arbeiters, zum anderen trifft mich das Urteil „arbeitslos“ auch überhaupt nicht, wenn ich doch lediglich erwerblos bin. Wegen dem Erwerb allein muss ich mich aber überhaupt bemühen, und nicht wegen der Arbeit, die ich als ganz widernatürlich empfinde und von der ich mir genug selbst aufhalsen kann. Die tragische Unschuld des modernen Arbeiters ist es ja, dass dieser nichts anderes mit sich anzufangen weiß als den gesellschaftlichen Normen mittels sozialen Vergleichs zu entsprechen, sich totzuarbeiten und sich für seinen jährlichen Urlaub, der freilich keine ernste Muße bedeutet, bereits im Voraus zu schämen.

Das Nichtstun oder zumindest das Streben danach ist allein menschlich, weil es gänzlich „uninteressiert“ ist und nur der Mensch überhaupt zu dieser Haltung in der Lage ist. Auf moralischem Gebiet ist er damit unegoistisch und damit ein Nutzen nicht nur für sich und seinen Nächsten, sondern für die gesamte Menschheit. Die Vielen aber, sie nutzen, benutzen und beschmutzen nur den anderen, nicht sich selbst, erst recht sind sie keine Nichtsnutze, nutzen ganz beliebig irgendwem oder irgendwas und haben im Ganzen gesehen auch keine klaren Vorstellungen darüber. Ein Taugenichts wäre in meinem Sinne aber genau der, der nur den anderen nutzt, während der Nichtsnutz tatsächlich dem Nichts nutzt und damit Mensch wird, was wiederum erste Voraussetzung dafür ist, der Menschheit zu nutzen.

Wer nun andere Zeiten lebt und nicht um acht Uhr auf der Arbeit ist, wirkt sogleich suspekt. Es gibt nämlich analog zur inneren Uhr noch eine gesellschaftliche Uhr, die Pünktlichkeit und frühes Aufstehen fordert. Camus schreibt hierüber explizit von einer 40-Stunden-Moral.

Dies ist ad absurdum zu führen: Man kauft ein Auto, um zur Arbeit zu fahren und muss zur Arbeit fahren, um ein Auto zu bezahlen. Ich denke dabei an Sokrates, der auf den Markt ging und dort ausrief: „Seht nur all diese Dinge… die ich nicht brauche!“ Dabei ist die meiste Arbeit der modernen Industrienationen höchstgradig ungesund! Denn wir sitzen! Und dabei wissen wir von den Peripatetikern, und auch Nietzsche ist dieser Ansicht, dass die Gedanken im Gehen produziert werden. Andernfalls sehe ich schon, medizinisch halbgebildet wie ich bin, den Venenstau. Man hat ja im Sitzen irgendwann nicht genügend Blut mehr im Gehirn: Vielleicht bekommt man dafür aber einen Thrombus, der ins Gehirn schießt. Dann ist aber auch Schluss. Stattdessen werden wir langsam fett; das Schmierwerk aus Kaffee und Zigaretten ist dabei der Antagonist der ächzenden Tretmühlen des Fitnessstudios. Dabei denkt es sich schlecht mit der Uhr in der Hand, denn das Denken hat keinen Feierabend. Ohnehin kommen die Ideen, wann sie wollen, und nicht wann das Ich oder das Ego meines Chefs es will. Sie lassen sich nicht mit der 40-Stunden-Moral einfangen.

Was ist also der Wert der Arbeit? Ein Adiaphorismus? Gibt es unterschiedliche Arbeit? Wieso etwa ist die Arbeit des Richters gut und die des Henkers schlecht? Der Unterschied zwischen Bänker und Bettler ist nicht die Arbeit, sondern der Lohn. Was wird denn produziert? Ist ein Buch schreiben nicht auch Arbeit? Man muss letztlich zwischen freier Arbeit (also dem Selbstzweck) und der Lohnarbeit (also dem Fremdzweck) unterscheiden.

Es ist die alte Geschichte und das moderne Ungleichgewicht: Hat man Geld, hat man keine Zeit. Hat man hingegen Zeit, hat man kein Geld. Was ist der Ausweg: Etwa Lottospielen? Wir kennen die alte Geschichte von Thales und seinen Olivenpressen, aber auch jene von Nietzsches Pension, Schopenhauers Erbe und Senecas unzählbarem Geldhaufen. Wie wird man aber heutzutage primärer Philosoph? Jedenfalls nicht mit einer 45-Stundenwoche mittels Lohnarbeit. Oder soll ich nun etwa gänzlich zynisch behaupten, dass das Hartz als Künstlerförderung zu betrachten sei?

Seneca antwortet: „Arbeit ist kein Wert; was ist demnach ein Wert? Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit.“ Wer war je reicher als Seneca? An Mitteln oder Tugenden? Aber sollte die sittliche Vollkommenheit etwa mit finanziellem Wohlstand einhergehen? Eine Frage, die Seneca nur allzu konsequent zu kaschieren versucht. Oder hält er dies gar für selbstverständlich? Die Arbeit ist also kein Wert; dass aber heißt nach Seneca, dass sie weder gut noch schlecht ist. Dem entspreche ich, denn nicht die Arbeit, ob sie nun Geld als Selbstzweck verfolgt oder nicht, sondern der Mensch, der dieser nachgeht ist gut oder schlecht. Ebenso kann nicht behauptet werden, dass die Armut ein Wert sei, denn man wird zu allen Zeiten Menschen treffen, die nicht dazu in der Lage sind, irgendetwas mit ihrer Armut anzufangen. Wozu also diesen Menschen Armut predigen? Man wird sie dadurch nur zerstören. Von diesen Menschen aber spreche ich nicht und schlussfolgere nun: Am ärmsten ist jener Menschenschlag, der eine Arbeit braucht. Es sind genau diese, welche ebenso behaupten, dass der Mensch an die Arbeit als existenzielle Notwendigkeit gebunden ist und es daher völlig gerechtfertigt sei, wenn man kurzangebunden an dieser „Notwendigkeit“ zu leiden hat.

Wer hieran allerdings nicht leidet: Man nennt ihn bekanntlich den Faulen und verwechselt ihn dabei oftmals mit dem Selbstgenügsamen. Dabei wird unterschwellig auch eine Anklage laut, zumal von denen, die sich rühmen, sich von kirchlichen Dingen losgelöst zu haben. Ich spreche natürlich von der acedia (latinisiert und übersetzt als Nichtsmachenwollen), die nicht weniger ist als eine der Todsünden und demensprechend moralisch verdorben ist. Ohne es zu ahnen, berufen sie sich auf jenes Dogma, weil sie sich partout nicht vorstellen können, was otium cum dignitate anderes bedeuten könnte als eine „faule“ Ausrede. Bevor sie also einer Todsünde frönen, und so sehr hassen sie sich selbst, würden sie sich lieber totarbeiten…

Ich nun, wenn wir schon bei kirchlichen Dingen sind, kann mir die Hölle nicht schlimmer vorstellen, als jeden Tag um 7 Uhr aufstehen zu müssen, um von 8-18 Uhr bei der Arbeit zu sein und davon noch zweimal im Stau stehen zu müssen. „Die Hölle – das sind die Anderen.“ Das ist richtig, aber meines Erachtens nur ein Teilaspekt der Hölle, denn das Wesen der Hölle ist vordergründig die Monotonie – die Monotonie aber unser Alltag. So sagt man ebenfalls: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Das aber ist weder eine Weisheit, noch eine der Realität entsprechende moralische Reflexion. In Wirklichkeit ist doch die Lohnarbeit, verbunden mit ihrer 40-Stundenwochen-Moral, der Auslösemechanismus für allerlei Ausschweifungen am Wochenende. Und sowieso sind die Laster jener, die sich überhaupt Müßiggang erlauben können, von einem völlig anderen Kaliber als die der arbeitenden Massen. Es muss hier richtig heißen: Arbeit ist aller Laster Anfang, sowie es auch nach Oscar Wilde korrekt umgewertet heißt: „Work is the curse of the drinking classes.“

Ich frage weiter: Bauen wir nicht, ohne uns dessen vielleicht Recht bewusst zu sein, erneut an einem Turm zu Babel? Zumindest vertritt bereits ein großer Teil der Menschheit das Ideal des sich Totarbeitens und vergisst dabei, dass das Leben weit mehr zu bieten hat als die bloße Repräsentation von menschenhandgeschaffenen Werten. Der Baustoff wird zuletzt wichtiger als das Leben selbst und so wird es auch überliefert, dass die Arbeiterinnen nicht einmal Zeit hatten, ihre eigenen Kinder zu gebären, geschweige denn diese aufzuziehen. Sie banden ihre Neugeborenen hingegen in das Tuch, das sie selbst am Leib trugen und arbeiteten immerfort weiter. So sind auch wir in jedem Sinne, das heißt geistig wie körperlich unfruchtbar geworden, denn die Arbeit, die bis zum heutigen Tage gleichzeitig eine Herausforderung an das ist, was wir platzhaltermäßig als Gott bezeichnen, laugt uns aus und gibt uns nur einen scheinbaren Sinn und kurzweiligen Trost. „Dass wir uns einen Namen machen“, heißt es bereits in der Bibel, was nur zutiefst den Trugschluss ausdrückt, dass wir uns mit unserer anmaßenden Arbeitsmoral selbst verwirklichen könnten.

Woher also dieses Drängen nach Tun und nicht viel mehr nach einem Nichtstun? Selbst ich, der eine Abhandlung darüber schreibt, wie wertlos eine solche Arbeit ist, leistet dennoch eine Arbeit. Und doch will ich mir keinen Namen machen und fordere hingegen dazu auf, ein Niemand zu werden, der sich im Nichtstun perfektioniert. Man vertrete dabei allerdings nicht jene Vulgärauffassung des süßen Nichtstuns, wie dies der funktionierende Mensch in seinen paar Wochen Strandurlaub im Jahr tut, denn das wahre Nichtstun ist hat nichts gemein mit reinem Müßiggang und entspricht noch eher dem otium der Stoiker, das stets eine geistige Beschäftigung darstellt. Die Antwort auf unser inneres Drängen ist also simpel: Wir haben es schlichtweg verlernt, nichts zu tun und unsere Gesinnung, sowie die sanktionierende Arbeitsmoral sind ausschlaggebend dafür, dass die meisten funktionierenden Menschen auf dem Totenbett bereuen, so wenig Zeit für sich selbst gehabt zu haben.

Faul sein sollte man also nicht aus Faulheit, aus einer Neigung, einer Degeneration heraus, sondern aus Überzeugung. Man muss sich nur gegen den kulturell-indoktrinierten Sündengedanken wehren. Hingegen ist die Langeweile die eigentliche Todsünde des Philosophen, denn „Denken“, die eigentümliche Beschäftigung des Philosophen, kann man immer und überall. Arbeiten? So frage ich wieder: Das muss doch nur einer, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Die Zeit mit sich selbst ist die dabei immer auch die Zeit für sich selbst.

Man entgegnet mir, das Ganze entspreche doch nicht den Tatsachen. Nun, hierauf antworte ich mit Hegel: „Dann ist das schlecht für die Tatsachen!“ Der Philosoph ist der Seismograph der Werte. Er hat also die Verpflichtung, diese Werte auch zu verstellen, auch wenn er sich damit unbeliebt macht. Er geht voran, weshalb ihm kein Lohn zukommt. Philosophen sollten meiner Meinung nach apolitisch sein. Sie sagen nicht etwa: „Arbeit muss sich wieder lohnen!“ Sie wirken doch viel subtiler und damit tiefgehender auf den Meinungsbildungsprozess.

Ich entgegne, und haue dabei einmal kräftig auf den Tisch: „Hier und heute stirbt die Wahrheit!“ Ich verweise dabei auf ihre Doppelmoral: So sagen sie zu mir, ich bräuchte unbedingt einen Job und erzählen mir keine 12 Atemzüge später, dass sie selbst nichts dringender als Freizeit und Urlaub brauchen. So sehr zieht mich doch das ewig Arbeitende hinan!

Ist die Faulheit also eine Krankheit? Wir schleppen uns krank zur Arbeit ohne gänzlich egoistisch daran zu denken, dass wir die Kollegen anstecken könnten. Nicht mit einer gewöhnlichen Rhinitis gehen wir also auch angeblich gesund zur Arbeit, sondern mit unserer eigentümlichen Krankheit: Einer chronischen Arbeitswut, die sich via Arbeitsmoral auf andere überträgt. Denn: Nur nicht als faul vor dem Chef gelten! Dabei ist es ja heute schon geradezu schicklich, seine Krankheit zu haben, allerdings nicht etwa um an dieser zu reifen, sondern man braucht diese lediglich, weil sie sich ganz vorzüglich als Rückzugswinkel vor der Welt gebrauchen lässt. Wieso sollte man also nicht auch sein eigenes Mittelchen haben? All dies gehört rigoros auf den Kopf gestellt und so werde ich jedenfalls morgen nicht zur Arbeit, sondern in den Park gehen. Es ist nämlich der Fall, dass ich mich heute zu gesund zum Arbeiten fühle!

Einen ganzen Tag lang war ich nun davon fasziniert, dass es die negative Form neg-otium ist, die das Antonym von otium darstellt, also der „Pflicht“ und „Aufgabe“ unterschwellig etwas Nachteiliges gegenüber dem Müßiggang vorangehängt wird. Die „Arbeit“ war in der Antike etwas so höchst Unansehnliches, so etwas Sklavenhaftes, dass es von dem, der die Arbeit nicht nötig hatte, nicht abfällig genug betrachtet werden konnte. In diesem Sinne verkörpert der Sozialschmarotzer von heute nichts anderes als die antike, elitäre Aristokratie, die sich mit Müßiggang schmücken und auszeichnen musste! Wir hingegen schämen uns schon unserer Freizeit wegen und haben ein schlechtes Gewissen beim Nichtstun, insofern wir überhaupt noch fähig dazu sind.

Kurze Rede, langer Sinn: Es gibt keine arbeitslosen Philosophen! Stattdessen muss der Gemeinplatz „Arbeit“ neu durchdacht werden! Dabei: Man mag dem praktischen Menschen entgegnen: „Du wirst hier nicht fürs Denken bezahlt!“ Wofür wird dann aber der Philosoph nicht bezahlt? Etwa für seine Weltfremdheit, die ja nur dem Kleingeist als eine solche anmutet? Nun Diogenes von Sinope sagte es einst, denn auf die Frage, warum die Leute den Bettlern Gaben verabreichten, den Philosophen aber nicht, erwiderte er: „Weil sie sich vorstellen, sie könnten wohl dereinst lahm oder blind werden, niemals aber, sie könnten Philosophen werden.“ Man muss davon ausgehen, dass es keine arbeitslosen Philosophen gibt, dass der „arbeitslose Philosoph“ eine contradictio in adiecto ist, denn andernfalls gäbe es überhaupt keine Philosophen…

Stattdessen häuft sich heutzutage jene merkwürdige Art von Menschen, die damit prahlen wie viel sie arbeiten und dennoch wollen sie damit nicht etwa Anerkennung, sondern Mitleid einstreichen. Diese sind es meistens auch, welche abfällig auf den herabblicken, der sich der Arbeit wie eines üblen Lasters enthält. Sie denken doch: „Irgendetwas muss faul an ihm sein!“ und haben dabei die Faulheit noch nicht als Tugend der Moderne erkannt; – diese selbst an sozialer Fäulnis Erkrankten… Dieser noch als unzeitgemäß empfundene Verdacht der Faulheit, auf den man sich im Übrigen auch selbst zu prüfen hat; er ist gleichbedeutend mit dem schlechten Gewissen, dem allgegenwärtigen Unbehagen des modernen Menschen. Man vermutet also überall Müßigkeit und Faulheit, sie ist die Sünde und Krankheit der Moderne, weil sie nicht zur Moderne passt und doch nichts mehr nottut als ihr ein Recht auf Existenz einzuräumen. Was folgt also? Wir müssen heimlich faul sein (etwa durch die moderne Technik und deren Möglichkeiten), wie ehemals noch beim Ehebruch: Keinesfalls aber dürfen wir uns dabei erwischen lassen!

Ich frage: Wissen diese Heloten denn nicht, dass sie nach Belieben getötet werden können? In der Antike wurde ihnen einmal im Jahr der Krieg erklärt, was nun heutzutage den alljährlichen Streiks und Gewerkschaftsbemühungen entspricht, bei denen den neuzeitigen Heloten jedoch kaum der Inflationsausgleich zugesprochen wird. Man weiß auch überhaupt nicht mehr, was ein ordentlicher Streik bedeutet und man gähnt bereits darüber, dass diese Schauprozesse, die dem Motto folgen: „Seht! Euch geht es überhaupt nicht schlecht!“, alljährlich etwa den Personennah- und Fernverkehr lahmzulegen drohen. Das mag vor allem daran liegen, dass auch die Gewerkschaften längst die Rolle eines Doppelagenten übernommen haben. So kommt es letztlich zu dem Phänomen der Zeitarbeit, das ganz unverhohlen dem Sklaven- und Tagelöhnermarkt archaischer Zeiten entspricht. Ich führe hier Anklage, indem ich sage: Wie immer gebt ihr den Dingen und hierbei traurigerweise auch den Menschen lediglich einen Preis, aber keinen Wert, denn mehr habt ihr nicht gelernt. Ihr benutzt die Dinge und wisst doch nichts mit ihnen anzufangen. Die Zeitarbeit entbehrt dabei jeglichen Vermittlungsversuchs, denn sie widerspricht den obersten Prinzipien des Sozialstaates und gehört dementsprechend verboten und nicht etwa geduldet.

Das Prinzip des Helotismus bleibt also durchaus bestehen, während lediglich die psychagogischen Verdrängungsmechanismen subtiler werden, was letztendlich auf die Spitze getrieben wird, als dass der moderne Sklave überhaupt kein Bewusstsein mehr darüber hat, welchem Stand er eigentlich angehört. Die Aufgabe, die ehemals der Kirche galt, nämlich den Menschen kurz angebunden am Gängelband zu halten, gilt heute den Großkonzernen und deren Pressefeldzügen. Dabei gehört ein hin und wieder veranstalteter Skandal schon zum guten Ton und also der eigenen Machtdemonstration sowie der kontrollierten Entladung, der „repressiven Entsublimierung“ des Arbeiterressentiments. So leben wir tagein tagaus wie in einem Gefangenlager zur Arbeit verurteilt, nicht einmal das eigene Strafmaß kennend und ebenfalls nicht wissend, ob es überhaupt eine Befreiung oder eine Begnadigung (etwa die Rente als modernes, diesseitiges Jenseitsversprechen?) geben wird. Was im gewissen Heute nicht ist, wird dabei ins ungewisse Morgen und Übermorgen verschoben.

Ich also leiste Verzicht, weil ich die Spielregeln verstanden habe. Dabei ist das Hamsterrennen keinesfalls ungerecht, denn ob man mitspielt oder nicht ist nur vor sich selbst zu rechtfertigen. Weder der Manager, noch der Zeitarbeiter haben in irgendeiner Form Schuld an der Situation, denn sie heben nur das auf, was vor ihnen liegt. Was allein der Fall ist, ist dass wir fortlaufend vergessen, dass die Spielregeln von Menschenhand geschaffen worden sind und dementsprechend auch umgeschrieben werden können. Dazu aber verlangt es an einer Haltung des Mutes, der Unangepasstheit und der Verzichtleistung. Mit diesen Tugenden wird man wieder Herr seiner selbst, während man nun die anderen, die es ja gar nicht anders haben wollen, für sich arbeiten lässt. Für deine Gesinnung allein aber wird man dir keinen roten Heller geben, denn nur die Tat zählt, weil nur sie zählbar, also aufrechenbar gegen Geld ist. Folglich müssen auch wir unsere Tugenden nicht nur im Herzen haben, sondern diese auch in die Tat umsetzen, indem wir das Otium praktizieren.

Nun bin ich ja aus freien Stücken Philosoph geworden und ich kann mir natürlich einreden, ich selbst hätte ja diese Ausbildung und diese Arbeit gewählt und wäre demnach das geworden, was ich werden wollte, doch verliert die Arbeit nie ihren faden Beigeschmack als dass ich sie tun müsse, und zwar nicht von mir aus, sondern um mich vor jemand anderem oder der Gesellschaft für nichts weniger als meine eigene Existenz zu rechtfertigen. Als wäre es nicht genug, diese Arbeit, die nicht die meine ist, vor mir selbst zu rechtfertigen! Über den Wert der Arbeit hat mich selbst Hesiod nicht überzeugt und heute heißt dieser Mechanismus der psychischen Zermürbung lediglich „Fortbildungsmaßnahme“. Ja, fort, hinfort mit der Bildung! Mit leerem Kopf lässt es sich schließlich besser arbeiten! Für ein nobles Gemüt aber bleibt immer eine ungeheure Erniedrigung verbunden mit der Arbeit, wenn man weiß, dass es nicht die eigene Arbeit ist, die man ausführt. Der Lohn, der eigentlich besser als „Bestechung“ zu bezeichnen wäre und den ohnehin ein anderer einsteckt, ist dabei noch vollends zu vernachlässigen, denn nicht was, sondern wer du werden willst, ist allein von Bedeutung. Wer sich selbst hingegen mit seinem Beruf gleichsetzt, der hat mit der Selbstwerdung, mit der Individuation noch überhaupt nicht begonnen und wird es vermutlich auch nie tun. Anstatt seine Arbeit mit Scham zu verstecken, versteckt er sich selbst und sein Selbst in seiner Arbeit. Damit aber hat er sein Leben verfehlt…

Dies mag zwar nicht die finale Antwort auf die Sonderstellung des Menschen im Kosmos sein, aber zumindest eine mögliche Antwort auf die Sonderstellung des Philosophen auf dem Arbeitsmarkt.