Wert der (Nicht-)Arbeit

Wert der (Nicht-)Arbeit oder: Von einer gesunden Darmflora

Berthold Blank, Bamberg 15.10.2014

 

Wir brauchen unsere Arbeit. Sie dient vornehmlich dem Lohnerwerb, ist aber auch Statussymbol und manchmal gibt sie dem Arbeitenden sogar Erfüllung.
Aber halt! Was war das?
Lohn – Erwerb?

Es scheint so, wenn man dieses Wort wörtlich versteht, als würden wir uns unseren Lohn erwerben, oder, anders formuliert, kaufen. Wir bezahlen unseren Lohn mit der Arbeit, die wir verrichten.
Das heißt, der Arbeitgeber ist eigentlich derjenige, welcher die Arbeit verrichtet und der Chef ist der Arbeit-Nehmer, er kauft sie ein.

Wenn wir etwas kaufen wollen, dann achten wir darauf, dass wir möglichst wenig unseres Tauschgutes, gewöhnlich Euros, gegen möglichst viel des anderen Gutes tauschen.
Wenn ich also beispielsweise eine DVD für 5€ bei einem bekannten Internethändler sehe, kaufe ich sie dort und nicht im Müller, der mir die gleiche Leistung, nämlich diese Scheibe, für den dreifachen Preis anbietet.

Wie aber verhält es sich bei der Arbeit?
Freibier nehmen wir alle dankend an, zur Not auch ein Becks, wenns denn sein muss.
Wer aber einen Freilohn bekommt, manche nennen es Stütze, oder Hartz IV, der gilt als Schmarotzer, als einer, der das ja gar nicht verdient hat.
Der Arbeiter bietet seine Ware, eben die Arbeit, feil, und ein Unternehmer will diese kaufen. Natürlich will der Unternehmer hier genauso verfahren wie ich beim DVD Einkauf.
Dennoch ist die Gewichtung beider Sichtweisen unterschiedlich vorzunehmen.
Derjenige, welcher Arbeit oder zumindest Arbeitszeit anbieten kann, ist wesentlich flexibler.
Ob ich „bei die Bosch“ am Fließband stehe, oder über Zeitarbeitsfirmen vermittelt putze, oder ob ich meinen Führerschein nutze, um Pakete zuzustellen, kann ich davon abhängig machen, wie viel Wert meiner geopferten Freizeit beigemessen wird. Und man sollte schließlich immer versuchen, den höchsten Preis bei einem Handel herauszuschlagen. Umgekehrt kann aber Opel nicht einfach sagen, dass sie dann Reinigungskräfte losschicken, oder Zeitungen drucken, wenn sie mit ihrem vorgeschlagenen Preis keine verkaufswilligen Händler, sprich Arbeiter finden, die ihnen für das gebotene Geld ihre Autos bauen. Der Unternehmer ist aber, wie selbstverständlich, am längeren Hebel.

Lange Zeit hatte dieses Denken, so unlogisch es sein mag, zumindest eine akute Daseinsberechtigung, die Menschheit wäre längst ausgestorben, hätten nicht unsere Vorfahren Tiere erlegt und verarbeitet, gezüchtet und gepflegt, Häuser, Städte, Strassen gebaut und so weiter.
Durch die Automatisierung sind nun die Tätigkeiten, die von Menschenhand getätigt werden müssen, im ersten und zweiten Sektor der Wirtschaft aber rarer geworden. Amazon will Pakete mit Drohnen verschicken und es gibt wohl schon die ersten Döner-kopter, also Drohnen, die Fast-Food nach Hause liefern. Also ist auch der Stern des dritten Wirtschaftssektors, des Dienstleisters ein sinkender.

In „die Internationale“ in dem deutschen Text von Emil Luckhardt aus dem Jahr 1910 heißt es:
„Die Müßiggänger schiebt beiseite, dieses Land muss unser sein“
Daraus wird dann erst ein Recht auf Arbeit, aber es lässt sich auch eine Pflicht zur Arbeit daraus ableiten, die es ja sogar qua Gesetz etwa in der ehemaligen DDR gab.

Von Gorbatschow stammt der Satz: „Nur wer etwas leistet, kann sich etwas leisten!“ – Ein Satz, dem wohl auch Ludwig Erhardt und FJS zugestimmt hätten.
Und ein Satz, der noch etwas ganz anderes offenbart.
Man soll nämlich nicht nur Arbeit verrichten, wir sollen Leistung erbringen.

Rein physikalisch definiert wäre Arbeit das Produkt aus Kraft mal Weg.
Und Spitzfindigkeiten, wonach ein Forscher ja gar keine Kraft aufwendet, schon gar nicht über eine gewisse Strecke hinweg, kann man dabei gerne beiseite lassen.
Wenn man ein Problem löst, durch geistige Anstrengung, und dabei „einen Schritt weiter kommt“ bei der Entwicklung einer Synthese, dann kann das auch als Arbeit gelten.
Doch so schön ist das in Wirklichkeit gar nicht. Bekanntes Stichwort: Die 40 Stunden Woche. Haben Sies bemerkt? Die für die Arbeit benötigte Zeit kommt jetzt ins Spiel.
Leistung im physikalischen Sinn ist der Quotient aus Arbeit pro Zeit. Es gibt zwar Akkordarbeiter, die tatsächlich nach Leistung bezahlt werden. Aber viel häufiger folgt aus einer niedrigeren Leistung, bei gleicher Arbeit, eine höher Bezahlung. (Man sieht: Zeit ist Geld!)
Sie haben ganz richtig gehört.
Beispiel:
Eine Firma wird beauftragt, ein Auto zu reparieren. Wenn der Mechaniker einmal kurz drüberschaut und merkt, dass es wohl der leere Tank ist, warum das Auto nicht mehr anspringt und es neu betankt, dann kann er nur wenig Arbeitszeit berechnen. Wenn er statt dessen so tut, als würde jede Schraube ganz genau prüfen, dann steht am Ende auch eigentlich nur die Arbeit des Betankens und vorher sinnlos um das Auto tänzeln, aber es werden nun drei oder vier Stunden berechnet.
Natürlich – „das gilt ja nur Ihrer Sicherheit“, selbstverständlich ist das „deutsche Gründlichkeit“.

Aber es bleibt, dass eine insgesamt deutlich niedrigere Leistung, im physikalischen Sinn, deutlich höher bezahlt wird, im finanziellen Sinn.
Menschen sind ein unberechendarer Faktor in der Wirtschaft. Wenn alles gut läuft, sind viele wahrscheinlich besser als jede Maschine. Aber sie können krank werden, und müssen dennoch bezahlt werden, sie nehmen Urlaub, und müssen auch hierbei bezahlt werden, und manchmal gibt es auch einen Live-Ticker zu Bayernspielen, der Beachtung finden muss, jedenfalls aus Sicht der Arbeiter.

Was also, wenn die Erfüllung dieser Bürgerpflicht, fälschlicherweise „Arbeit“ genannt, dazu führt, dass das Ergebnis schlechter ist, weil Automaten es schneller könnten und höhere Stückzahlen oder genauere Verarbeitung leisten könnten? Ein Unternehmer müsste automatisieren, auch wenn dadurch mehr Menschen in finanzielle Not geraten. Dennoch hätte eine 100%ige Automatisierung den Nachteil, dass es dann wiederum zu wenige Konsumenten ihrer Waren gibt.

Denn diese Waren sind, egal was sie kosten, denjenigen zu teuer, die gerade mal das Notwendigste haben. Oder vielleicht sogar nicht einmal das.
Und dass sich Beschäftigte von Foxconn kein iPhone leisten können, obwohl sie sie selbst produzieren, ist für Apple nur solange effektiv, solange es andere Menschen gibt, die es sich leisten können. Bei einer vollständigen Automatisierung gäbe es diese Menschen aber kaum noch und die Warenproduktion und schließlich die gesamte Weltwirtschaft an sich würde fast vollständig zum Erliegen kommen. Würde man nur noch in Billiglohnländern produzieren um die Lohnersatzzahlungen zu sparen, bestünde das Problem weiterhin.

Also kann das nicht das Ziel eines gesunden Unternehmerverstandes sein, zumindest nicht so. Unternehmen haben keine Verantwortung ihrer globalen, sozialen Umwelt gegenüber zu übernehmen, sie dürfen sich schlicht nicht ihrer eigenen Existenzgrundlage berauben.
Warum entscheiden sich Unternehmen also nicht dazu, Menschen dafür zu bezahlen, dass sie auf die Einforderung ihres Rechts auf Arbeit verzichten?

Ein menschlicher Arbeiter kostet den Unternehmer zum Einen den an diesen gezahlten Lohn und er muss auch Steuern und Sozialabgaben leisten.
Damit also nachher 1500€ auf dem Konto ankommen, ist vom Unternehmen deutlich mehr zu entrichten. Also würden Unternehmen Gewinn machen, würden sie Menschen für den Verzicht auf Arbeit bezahlen und gleichzeitig zu annähernd 100% die Produktion automatisieren.

Dieses Modell trägt, anders formuliert, der Tatsache Rechnung, dass Derjenige, welcher den Lohn auszahlt, damit nicht nur den Produktionsprozess seiner Ware endgültig abschließt, sondern auch einen oder mehrere Konsumenten produziert.
Noch mal anders: Unternehmen brauchen Konsumenten, die deren Waren kaufen. Da aber die Arbeitenden auch Konsumenten sind, produzieren Unternehmen nicht nur Waren, sondern auch die

zugehörigen Konsumenten. Deswegen müssen bei angenommener vollständiger Automatisierung Lohnersatztleistungen gewährt werden, da ansonsten der per definitionem notwendige Gegenpart zum Verkäufer fehlt, der Käufer oder auch Konsument.
Natürlich werden auch weiterhin Menschen gebraucht, die arbeiten, und sei es nur zur Kontrolle oder Entwicklung neuer Produkte. Diese werden sich aber finden lassen.

Homo homini lupus est, der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Und genau deswegen wird sich ein nicht geringer Teil der Menschen denken, dass sie mehr haben wollen, als der Nachbar. Also werden sie, zumindest von Zeit zu Zeit für Bezahlung arbeiten, um sich Luxusgüter oder Reisen oder was auch immer zu kaufen, mit denen sie vor den Nachbarn angeben können.

Dies müsste eigentlich der Traum aller FDP-ler sein, sie hätten einen Staat, der der Wirtschaft nicht mehr reinreden müsste, man könnte, Manchestermäßig der Wirtschaft alle Freiheiten geben.
Denn die potenziellen Arbeiter, die, wie gesehen, ja dennoch weiterhin gebraucht und gewollt sind, kann man nun nicht mehr zwingen, zu arbeiten, weil sie sonst verhungerten. Deren Grundbedürfnisse sind erfüllt.

Man muss sie davon überzeugen, dass sie Vorteile davon haben, für die Firma X statt Y zu arbeiten.

Statt dessen ist nur die Linke ein Verfechter der Idee des BGE, irrsinnigerweise auch noch staatlich gewährt, und verrät damit eigentlich ihre ureigensten Ideale.
Aristoteles sagte einst sinngemäß, dass der Mensch erst frei sein wird, wenn er nicht mehr arbeiten muss, um überleben zu können. Den Zustand, arbeiten zu müssen um das Überleben zu sichern, nannte er Sklaverei. Und so gesehen sind wir alle Sklaven, sofern wir einer Tätigkeit nachgehen, um damit unser Überleben zu sichern. Der Mensch hingegen sehnt sich zur Freiheit, nicht zur Sklaverei.

Hätten die alten Griechen unsere Möglichkeiten gehabt, es hätte wohl niemand daran gedacht, Sklaven zu halten. Jetzt haben wir die Möglichkeit, Maschinen für uns arbeiten zu lassen. Und wir haben den Vorteil, von einer gewinnsüchtigen Wirtschaft als Konsumenten gebraucht zu werden. Diese gewinnsüchtige Wirtschaft braucht uns in unserer Funktion als Konsumenten, nicht in der Funktion der Arbeiter, um überhaupt existieren zu können.

Wir sind also als Konsumenten Lebensmittel der monophagen Wirtschaft und als Arbeiter zugleich deren Darmflora. Wir zersetzen uns selbst.
Die oberste Forderung des Zeitalters der Digitalisierung müsste die nach der unternehmerischen Pflicht zur Automatisierung ihrer Darmflora sein.