Warum entsteht nur so viel Hässliches?

Warum entsteht nur so viel Hässliches?
Über die Idee einer holistischen Kunst.

Patrick Klösel, Bamberg, 02/07/2014

[Ouvertüre]: Die Entdeckung der Hässlichkeit – Subjektiv-ästhetische Eindrücke
Wenn ich irgendwo auf dieser Welt durch die Straßen laufe, sehe ich vor allem hässliche Dinge: Hässliche Fassaden und hässliche Kleidung, hässliche Werbebanner, hässliche Autos und hässliche Verwendung der Sprache.

Dies alles sind ästhetische Aussagen. Ästhetik wird hier im Sinne der Psychologie verstanden, als die Wissenschaft der Unterscheidungskriterien, wann man etwas als „schön“ oder „hässlich“ wahrnimmt.

Bin ich der Einzige, der so Vieles als unästhetisch empfindet? Unlängst wurde mein Gefühl zumindest auf einem Gebiet bestätigt, dem der Architektur: Mitte Juni ist in der ZEIT ist ein Artikel zur Biennale in Venedig erschienen, darin der Auto Hanno Rauterberg schon im Titel provokant feststellt, „Architektur gibt es nicht mehr“. Als Verantwortlichen dafür sieht er den im Neoliberalismus grassierenden Funktionalismus, die „Lehmwand [wurde zu…einer] Hightech- Fassade“, wie er schreibt, „[…k]eine Decke darf heute einfach Decke sein, sie wird zum Maschinenraum, muss den Menschen mit Luft versorgen, mit Licht, mit allumfänglicher Sicherheit“. Architektur soll also nicht mehr schöne Gebäude schaffen, sondern zuallererst praktische Funktionen erfüllen.

Garantiert hat jeder Mensch ein gewisses ästhetisches Grundempfinden. Nun machte ich mir schon länger Gedanken, was ich da eigentlich als „schön“ empfinde. Empirische Kategorien hierfür wären zum Beispiel Geschichtlichkeit und Einzigartigkeit – deshalb macht Monogamie auch durchaus Sinn: Nur einen Partner zu haben, erzeugt ein Gefühl der Besonderheit – man ist nicht einfach ersetzbar. Wenn ein bestimmtes Gemälde nur ein einziges Mal existiert, ist es ästhetischer, als wenn es schier endlos oft reproduziert wird, dies stellte schon Walter Benjamin fest. Genauso ging es wohl früher Vielen mit ihren Kuscheltieren. Wenn der Lieblingshase verloren ging, war man auch bei Weitem nicht mit einem exakt baugleichen Stofftier zufrieden, nein, der Hase musste der alte sein! Und wenn man heute mit einem Armband eine bestimmte Erinnerung verbindet, an den Menschen denkt, der es einem geflochten hat, dann ist es wesentlich „schöner“, als ein zu Tausenden produziertes und dann gekauftes Exemplar.

Doch eine rein subjektive Sicht auf die Welt ist philosophisch höchst unbefriedigend. Ich werde also im Folgenden versuchen, das, was in mir nur als vages Gefühl mangelnder Ästhetik der Dinge herum wabert, in möglichst verständliche Worte zu packen, denn allein in der intersubjektiven Vermittlung liegt ja schon eine gewisse Objektivität.

[Exposition]: Die Künstler sollen Könige werden – Versuch einer Objektivierung
Objektivierungen subjektiver Ansichten sind immer riskant, nicht nur weil sie in einer empirischen Verengung gründen – die Grenzen meines Erkenntnisapparats sind die Grenzen meiner Welt -, sondern auch weil sie auf ungerechtfertigte Art und Weise verallgemeinern; und noch aus einigen Gründen mehr. Deshalb bin ich mit dieser Methode sehr vorsichtig.

Notwendig ist der Schritt der Verallgemeinerung aber allemal! In „Das Kunstwerk und die Revolution“ schreibt Richard Wagner 1848, dass „[…j]ede Veränderung der politischen Verhältnisse […] in einer Veränderung in der Kunst“ fußt. Will man also die politischen Verhältnisse verändern, muss man die Kunst revolutionieren, und das schafft man nur, wenn man sie hinreichend versteht.

Ich werde nun versuchen, die Kunstbetrachtung in zwei Kriterien aufzuteilen, in ein phänomenal- ästhetisches und ein strukturell-ästhetisches.

Die phänomenale Ästhetik wäre die intuitiv verständliche Kunstbetrachtung: Man betrachtet ein Kunstwerk, und findet es entweder schön, oder nicht. Ich betrachte Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“, und finde das Bild schon auf den ersten Blick schön, weil ich die Farbgestaltung mag, weil ich die Proportionen und überhaupt den ersten Eindruck mag – ohne dieses „Gefallen“ genau klassifizieren zu können. Die Erscheinung – φαινόμενον ist auf Griechisch das „Erscheinende“ – gefällt mir, das phänomenale Kriterium ist erfüllt.

Die strukturelle Ästhetik kann man hingegen nur durch genaue Untersuchung des jeweiligen Kunstwerkes feststellen, bei einem Gedicht untersucht man beispielsweise das Metrum und die Stilmittel, analysiert Metaphern und zählt Personalpronomina. Wenn man den schleppenden Rhythmus in den Versen aus Rilkes Panther „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, daß er nichts mehr hält“ erkennt, kann man ihn als Symbol für den Entzug der Freiheit deuten, und somit ein tieferes Verständnis des Gedichts erlangen. Die strukturelle Ästhetik ist also der Kunstgenuss, den man durch die genaue Untersuchung des vorher intuitiv Erkannten gewinnt.

[Durchführung]: Die Marginalisierung der Künste am Beispiel der Musik
Ich möchte nun am Beispiel der Musik eine Entwicklung beschreiben, die ich auch in anderen Künsten sehe, und das ist die der Trennung der beiden beschriebenen ästhetischen Kriterien voneinander und daraus resultierend die Marginalisierung der tatsächlichen Kunst.

In den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die 12-Tonmusik. Bei dieser Art von Musik fällt das tonale Zentrum weg, alle 12 Töne der Tonleiter sind aufeinander bezogen – jeder der 12 Töne darf in der Komposition erst ein zweites Mal auftauchen, wenn alle anderen Töne schon gespielt wurden: Der Kompositionsstruktur liegt also eine rigide Ordnung zugrunde, der sich andere Kriterien wie die Harmonik unterzuordnen haben – was zur Folge hat, dass die Musik für menschliche Ohren ziemlich dissonant und unschön, also phänomenal unbefriedigend klingt.

Jeder, der nicht einen wie auch immer gearteten „intellektuellen“ Genuss aus der Musik zieht, ich denke hier vor allem an die Ordnung derselben, wird 12-Ton-Musik nicht mögen – der Zugang zu ihr ist strukturell erschwert.

Die Avantgarde hatte sich durch diese und andere Entwicklungen schlicht verhoben. Die Diskrepanz der Musik zu den Konsumenten derselben war zu groß geworden, die breite Masse der Bevölkerung hatte keinen Zugang mehr zu dieser neuen Stilrichtung. Hört man sich zeitgenössische Kompositionen der seriellen Musik an, ist diese These sofort verständlich.
Als direkter Folge entstanden „einfachere“, intuitiver verständliche Formen der Musik, und diese Entwicklung resultiert heute letztlich in unserer 4-Chord-Popmusik (also einer Musik, deren Songs sich aus nur vier Akkorden zusammensetzt) – auf YouTube gibt es ein Video einer australischen Komikergruppe, die auf ein stets gleiches Riff aus vier Akkorden die verschiedensten Popsongs singen, so genannte 4-Chord-Songs, und damit deren simple Kompositionsstruktur beweist. Die Songs klingen an sich, d.i. in meiner oben eingeführten Terminologie „phänomenal“, zwar durchaus schön – bei genauerer Untersuchung stellt man jedoch eine ausgemachte strukturelle Plattheit fest.

Die beiden genannten Beispiele manifestieren die Marginalisierung: Im Falle der 12-Ton-Musik wurde das phänomenale zugunsten des strukturellen Kriteriums, im Falle der 4-Chord-Songs das strukturelle zugunsten des phänomenalen Kriteriums vernachlässigt.

Ich könnte diese Entwicklung auch noch in anderen Bereichen der Fine Arts (das ist der englische Begriff für Literatur, Musik und bildende Kunst) ausführen, beispielsweise in der Architektur bei Le Corbusier und Mies van de Rohe auf der einen und IKEA-Möbeln auf der anderen Seite, aber das würde den Rahmen hier sprengen.

Aktuelle Versuche an Gegenströmungen zu diesen beschriebenen Entwicklungen ließen sich zahlreiche aufführen, seinen es nun Singer-Songwriter mit tiefdurchdachten Texten, die ihre Message leider meist bis zur Unkenntlichkeit kryptisieren, Qualitätsfernsehserien als die Romane des 21. Jahrhunderts, deren Macher Intertextualitäten und Geniestreiche allerdings publikumswirksam mit Geschmacklosigkeiten kompensieren, oder der Tweet als aphoristische Kunstform, wobei hier noch am ehesten die Revolution wenigstens in ihren Kinderschuhen steckt.

[Grande Finale]: Auf der Suche nach der verlorenen Ganzheitlichkeit
Das eigentlich Erstrebenswerteste, ein Kunstwerk, dass sowohl phänomenal als auch strukturell ästhetisch ist, versucht keiner mehr. Schuld daran ist wohl das Mantra der Postmoderne, das alles dekonstruieren will, und keine Ganzheit mehr zulässt. Das ist sehr schade! Es ist nämlich nicht so, dass ein solches ganzheitliches Kunstwerk etwa nicht möglich wäre, das 19. Jahrhundert hat es uns bewiesen.

Wagners Gesamtkunstwerk war das Ideal einer holistischen Kunst. Das Libretto seiner Opern stammte von ihm, ebenso die Musik, die dramaturgische Gestaltung, und selbst für die richtige Akustik sorgte er durch den Bau des Festspielhauses in Bayreuth – das gesamte Kunstwerk entstammte demselben Kopf und denselben Händen, trug also denselben Geist in sich.
Das Ganze muss insbesondere in der Kunst mehr sein als die Summe seiner Teile. Schon Aristoteles bewies an einem Stuhl, dass dieser seine Stuhlfunktion nicht mehr erfüllen kann, wenn man alle Stuhlbeine und die Sitzfläche sowie die Rückenlehne auseinanderbaut und mit den Schrauben zusammen nebeneinander auf den Boden legt. Der Stuhl kann nicht mehr als Stuhl genutzt werden, es ist etwas Wichtiges verloren gegangen.

In einer arbeitsteiligen Gesellschaft wie der unsrigen passiert etwas Vergleichbares mit den Artefakten, den Kunstgegenständen. Kein noch so ausgefeiltes „Design“ kann die Aura des Kunstwerks ersetzen, die entsteht, wenn der Schreiner stundenlang an einem Stuhl feilt und schnitzt, und die verloren geht, wenn jedes Teil des Stuhls einzeln gefertigt wird.

Die Aufteilung der Arbeitsschritte ist nur einer von vielem Mechanismen, die die Ästhetik in der Postmoderne zerstören – Arbeitsteilung ist ja nichts Neues. Der stetige Drang nach Ironisierung, Metaebenen und nachträglicher Beschwichtigung, kurz, nach radikaler Dekonstruktion, zerstört das Schöne und lässt politisch korrekte Hässlichkeit zurück.
Die Poetisierung der Wirklichkeit ist dem Gesamtkunstwerk allemal zuträglicher als die Reduktionismus unserer funktionalistischen Postmoderne. Die Totalität wollte man bekämpfen, aber seitdem man die Ganzheit radikal negiert, erreicht man das Gegenteil.

Schuld daran, dass so viel Hässliches entsteht, ist die Zeit, nicht ihre Kinder. Die haben nur verlernt, wie man sich gegen ein hässliches totales Prinzip auflehnt.