Leib-Seele-Problem

Leib-Seele-Problem

Tassilo Volker Koller

Beweggrund

Ich stehe hier und sprech zu dir und du sitzt dort und möchtest fortan nur noch meinen Worten lauschen. So könnte die Umschreibung eines Beweggrundes für meinen heutigen Auftritt lauten oder plakativer ausgedrückt: „Meine Gier nach Anerkennung“. Ich präsentiere also eine Suche, meine Suche u.a. nach Anerkennung und jetzt scheint mir die Frage willkommen zu sein, was ich in meiner Rolle und auch als Individuum bei einem Philosophy Slam sonst noch suche. Neben dieser Gier ist es Erkenntnis, also Antworten und Handlungsmöglichkeiten. Daneben stehen die Fragen, die kausal den Antworten vorauseilen, aber auch folgen. Die Gier ist Gott und Gesellschaft, gut und böse, über ich und es und ja, in meinem Fall vor allem die negative Positionierung des Ichs dazwischen. Die Erkenntnis ist Wissenschaft und Glaube. Die Antworten sind das Ziel und die Fragen sind der Ausgangspunkt des Wegabschnittes, dazwischen liegt der Weg, die Suche.

Die Antworten lagen für mich auf dem Altar im Tempel der Moral und der Weg zu den Antworten führte über ein Dornenfeld der Entwertung, denn nicht der Weg war das Ziel, sondern nur der Beweis dafür, das Ziel noch nicht erreicht zu haben und somit fiel mein Ich im Hau den Lukas des moralisch guten Lebens, immer wieder auf den Boden der Hölle moralischer Verderbtheit, zurück. Fragen wurden quälend und mussten um jeden Preis beantwortet werden, denn die Suche machte schuldig und so gab, ja gebe ich immer noch, mir die Antworten oft passend zur Frage. Wie menschlich das ist.

Dann, vor 2 bis 3 Jahren fand ich zur Philosophie, die mir hilft, mein widersprüchliches Leben aus einer Metaposition heraus zu beleuchten. Sie hilft dabei, das eigene Dasein im Spannungsfeld zwischen Individuum, Welt, Gesellschaft, Rollen, Glaube, Wissenschaft, Wunsch und Wirklichkeit, Bedürfnis und Befriedigung. Mit der abstrahierenden Kraft der wissenschaftlichen Methode lässt sich Strebsamkeit und Relativierung erreichen. Meine Feindbilder relativierten sich.

Eine der Überlegungen, die in mir während dieser Reise, die noch längst nicht beendet ist, heranreifte, führte zu einem Modell der Interaktion von Leib und Seele. Ich begab mich auf die Ebene der Epistemologie, auch Erkenntnistheorie genannt, und versuchte dort das Leib-Seele-Problem, ein für mich persönlich drängendes Problem, zu lösen. Es ist eine sehr persönliche Such nach Antworten auf die Frage, warum ich in einer materialistischen Welt an höchste Ideen glauben muss. Je stärker ich versuchte, sie zu verdrängen, desto drängender wurden sie in meinem Leben.

Notizen

Der Beweggrund für den Auftritt wird hier beschrieben. Dies ist notwendig, da die Beweggründe immer den Inhalt auch beeinflussen. Der Inhalt ist ein abstrahierter Gegenstand des Ausschnittes der Realität („Ding an sich“), den ich mit Eigenschaften versehe und meinen Beweggründen entsprechend auch filtere. Die Wissenschaft bietet zwar hier eine Möglichkeit, einen objektiveren Standpunkt einzunehmen, aber trotzdem kann sie den Prozess der Abstraktion nicht objektivieren, denn die Einschränkung des Gegenstandsbereiches wird auf jeden Fall durch die Beweggründe beeinflusst. Aus diesem Grund und deshalb, weil wir eine zu positive Vorstellung von Wissenschaft haben und Wissenschaft oft von einzelnen Personen abhängt, sind die Beweggründe sehr wichtig!

Weiterhin nenne ich meine wichtigsten Beweggründe. Diese sind:

–  Höhere Ideale gepaart mit dem Wunsch der Identifikation mit einem höheren Ideal

–  Suche nach Erkenntnis aufgrund der positiven Erfahrungen mit Erkenntnis

 Erkenntnis der positiven Kraft von Fragen

–  Fähigkeit der Philosophie, eine Metaposition zu ermöglichen, aus dem Grund, weil sie es ermöglicht, grundsätzliche Positionen, wie „Ich glaube an Gott!“ und „Ich glaube nicht an Gott!“ außen vor zu lassen und Fragen nach dem Sinn des Lebens aus einer Glaubensunabhängigen Position aus zu betrachten und vor allem den Glauben an sich zu betrachten, also eine Metaposition zum Glauben ein zu nehmen! 


Gegenstand

Ich gehe im Folgenden von zwei epistemologischen Hauptebenen aus, der geistig rationalen und der physisch kausalen.

Die Welt um uns herum ist physisch und kausal. So folgt die Wirkung immer dem, der Ursache genannt. Es müssen unsre Sinne dem Wechselspiel auch folgen und schaffen dann in uns, ein sinnlich Bild des drum herums. Dies Bild ist weniger als seine Quelle, denn physikalischer Verlust lässt schrumpfen es. Die Daten liegen vor, doch sind sie nicht vereinbar miteinander, lässt Gehörtes und Gesehnes sich nicht einen wohl, geschweige denn die Mehrung durch Wille oder Moral. Aus diesem Grunde nun, erfolgt die Wandlung dieser sinnlichen Objekte in Teile eines logischen Modells, deren Träger chemisch-physische Objekte sind. Auf dieser Ebene nun, kann Mehrung sich gesellen zu sehr flexibler und umfassender Kombination, von sinnlich logischen Objekten, mit Emotion, Moral und Zeit. Ich stell mir das so vor, wie Wörter auf Papier. Sie stellen etwas dar und drunter liegt der Träger, die physisch Tinte dort vor mir. So kann ich Sätze bilden gar wie diesen hier : „Die Luft schmeckt gülden nach dem Klang des Gottes, der meine Hände mir erschuf und sie zum Graben dieses Loches an den Körper, meinen schlug!“. Physische Kausalität und geistig Rationalität vereinen sich. Über der Ebene der Mehrung liegt das Land des Geistes und in diesem leben auch Zeit, Moral, das Individuum und sinnlich transformierte Gegenstände, rational vereinbar. Dieses Land ist der Spielplatz, in dem die Zukunft wird geborn. Dort bildet sich der Plan, eine veränderte Version des geistig Ausschnitts, die unsrem Willen sich soll beugen. Dieser Plan wird nun gewandelt in körperliche Handlung, reduziert durch Abstraktion von der logisch-rationalen auf eine physisch und kausale Ebene, und die Handlung wiederum verändert dann die Welt um uns herum und hier beginnt der Kreislauf nun von vorn. So ist die geistige Welt ein Stück weit losgelöst von unsrer durch die Empirie erkennbar Erdenwelt. Doch wie kann nun der losgelöste Teil, wie Gottesbilder, andren Menschen übermittelt werden? Da bietet sich die Sprache an und ihre Schwestern Schrift und Kunst. Sie machen aus dem geistigen Wesen Mensch die soziale Kreatur und schaffen dieses Wunder der geistigen Kommunikation. Sie helfen uns zu bauen die Schlösser in der Luft, mit Zimmern, die nicht nur für mich, nein auch für andre, so wie dich und doch bleibt unsre Erdgebundenheit durch unsre Sinne, unsren Körper und der Kreislauf lässt uns stehen fest, auf der Erde Wegen.

Notizen

In diesem Wahrnehmungs- und Einflussnahmeprozess gibt es verschiedene Ebenen. Wichtig hierbei ist, dass die gewünschte Veränderung eines Gegenstandes auf einer logischen Ebene stattfindet, um diese Veränderungen unabhängig von den Naturgesetzen der Umwelt planen zu können, d.h. diese Veränderung muss in jedem Fall möglich sein, auch wenn keine einzige physikalisch-kausale Entscheidungshilfe vorhanden ist, z.B. das Wissen des Naturgesetzes, dass ein Ding auf der Erde immer der Erde entgegen fällt. Dies wird ermöglicht, wenn diese Veränderung in jedem Fall durchgeführt werden kann und dies ist denkbar, wenn die Veränderung auf einer logischen Ebene stattfindet, deren Basis physische Träger sind. Daraus folgt, dass es verschiedene Ebenen der Transformation von Informationen geben muss. Auf der obersten, logischen Ebene werden diese Handlungspläne entwickelt und können dann wiederum über verschiedene Ebenen nach unten in Handlungsanweisungen für den Körper umgewandelt werden. Wichtig ist, dass hier nicht nur ein Abstraktionsprozess, also eine Reduktion stattfindet, sondern auch eine Anreicherung, damit vollständige Handlungspläne, die unabhängig vom Wissen über die Welt sind, ermöglicht werden. Damit wird Handeln immer, auch in unvorhersehbaren Situationen, ermöglicht.

Hier bleibt immer noch das Problem, wie höhere Ideen in Handlung umgewandelt werden können. Dabei könnte man von mehreren Bewusstseinsebenen ausgehen, die zusammenarbeiten. Dies könnte ablaufen, wie die Nutzung von vorgefertigten Komponenten bei einer Programmiersprache auf höheren logischen Ebenen. Außerdem muss es nach dem Modell ein gemeinsames Format von geistigen Gegenständen geben, damit sinnliche Wahrnehmungsgegenstände mit z.B. moralischen Gegenständen kombiniert werden können.

Konsequenz

Die für mich möglichen Konsequenzen aus dem obigen Modell möchte ich kurz skizzieren.

– Menschliches Handeln ist den kausalen Gesetzen der physischen Umwelt nur teilweise unterworfen, z.B. im Prozess der sinnlichen Wahrnehmung und bei der körperlichen Handlung. Es ist aber auch möglich, diese kausal-physischen Zusammenhänge zu durchbrechen, da die Modifikation eines geistigen Zustandsmodells, nicht nach physisch-kausalen Regeln, sondern nach geistig-rationalen Regeln abläuft, denn sie findet auf einer logischen Ebene statt. So wird ein teilweise nicht kausales bzw. drastisches Verändern der Umwelt, mit Hilfe der Nutzung aller physisch kausalen Möglichkeiten, denkbar.

– Es stellt sich die Frage, ob die rationalen Regeln deterministisch sind oder nicht. Auf einer logischen Ebene können evtl. die Gesetze des Zusammenwirkens von Gegenständen unterschiedlichsten Ursprungs erzeugt werden und auch Mechanismen zur freien bzw. zufälligen Entscheidung, zwischen logischen Alternativen, sind denkbar und dann wäre interterministisches Verhalten vorstellbar.

– Die gesellschaftliche Reduktion des Menschen auf Wahrnehmung und körperliche Einflussnahme (modern: Empirie und Technik), stellt den Menschen als Mangelwesen dar. Der erweiterte Blickwinkel des Modells, ermöglicht ein Bild vom Menschen mit einer manigfaltigen inneren Welt.

– Sprache, Schrift und Kunst können evtl. als logische Medien zur Kommunikation mit Hilfe von physischen Träger genutzt werden.

– Göttliche Vorstellungen (überwertige Ideen) sind unauslöschliche Bestandteile des menschlichen Daseins. Eine Mediengesellschaft, die diese geistigen Gegenstände, wieBedürfnisse nach höherem, z.B. Schönheit oder das Paradies und gleichzeitig Ängste nutzt, u.a. durch Werbung und öffentliche Apelle, wie die „Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit“, aber das Vorhandensein solcher höherer Ideen im Erkenntnisgewinnungsprozess verleugnet, und sie beim Glauben in die Privatsphäre abschiebt, steuert in Krisenzeiten auf Hass, Gewalt und Mystifizierung zu!

Notizen

Obwohl der obige Text einen Monismus aus ontologischer Sicht darstellt, zeichnet er einen nicht reduzierenden Physikalismus, weil er auf einer epistemologischen Ebene eine Trennung zwischen physischer und geistiger Ebene und damit auch eine Trennung zwischen Leib und Seele sieht. Da es nach dieser Theorie neuronale Zustände geben muss, die Träger dieser logischen Gegenstände sind und diese logischen Gegenstände Grundlagen des menschlichen Daseins sind (moralische Ideale), stellen auch die neuronalen Zustände aus ontologischer Sicht Gegenstände dar, die betrachtet werden sollten.