Ist nicht wirklich Gott

Ist nicht wirklich Gott  

Johann Gottlieb Fichte

Johanna Sailer, Potsdam 22.10.2014

 

Wir begegneten uns in der Universität,

Im letzten Seminar für meinen Bachelor –

Du warst mein anstrengender Sitznachbar.

 

Immer redest du dem Dozenten dazwischen.

Du sagtest, dass das Absitzen aus Pflicht nicht das Wahre ist,

Wahrheit ist Licht, aber Licht gibt’s im Seminarraum nicht.

 

Ich zeigte an die Zimmerdecke: Da ist doch Licht!
Das mein ich nicht, sagtest du grummelig,

Dieses hier ist künstlich

Und versperrt nur die Sicht auf das wahre Licht.

Sicherlich, sagte ich,

Das ist künstliches Licht.

 

Ich begann dich zu mögen, rein platonisch, versteht sich.

Schon in der nächsten Woche

verließen wir gemeinsam den grauen Beton

Und philosophierten im Freien – all night long.

 

Du sagtest, auf Kant gibst du keinen Schilling mehr.

Schelling war eher so dein Fall,

Doch auch mit ihm strittest Du Mal.

Irgendwie warst du ein Sonderling.

Ich fragte mich, wie ich dich für mich gewinn.

Denn deine Reden hatten so viel Swing

Und immer lag ein wenig Verachtung drin.

Du konntest aber auch romantisch sein und lieb.

Natürlich stand zwischen uns der Altersunterschied.

 

Ich las deine Texte, um dir noch näher zu kommen.

Erst verstand ich nicht viel von Deiner Philosophie,

Und begann zu zweifeln, an deinem angeblichen Esprit.

 

Erst allmählich begriff ich:

Der Zweifel ist der Anfang vom Lichte.

Johann Gottlieb Fichte.

 

Im Zweifel haben wir uns wiedergetroffen.

Im Zweifel ist nichts klar aber alles steht offen.

 

Ich gestand dir, dass ich oft von Zweifeln zerrissen bin,

Dass es Tage gibt, an denen ich nicht weiß, wohin.

 

Warum soll ich weiterleben und wie überhaupt?

Wer hat mir den heilsamen Glauben geraubt?

 

Wie soll das gehen, gemäß seiner Bestimmung zu handeln?

Und den Zweifel in Wissen und Wissen in Glauben zu verwandeln?

Wie kann ich ausbrechen? Wie herausstechen?

Wenn nicht ich, wer bestimmt, wie es weitergeht?

Und was ist es, woraus dann noch meine Freiheit besteht?

 

Du mochtest mich – das merkte ich sofort,

Packtest mich am Arm und sprachst folgendes Wort:

 

Du bist unendlich endlich und grenzenlos begrenzt.

Unendlich in deiner Schaffenskraft,

Im Geiste, im Handeln, im Lebenssaft.

Und begrenzt durch den Anderen,

Der wiederum unendlich endlich

In dir seine Grenzen erkennt

Und sich selbst hinterherrennt.

 

So rennt ihr gemeinsam

Und doch jeder für sich

Euch selbst hinterher

Und kriegt euch nicht –

 

Begriffen,

Ergriffen,

Aufgegriffen,

Angegriffen –

Alles Begriffe.

Alles im Begriff.

Alles irgendwie dasselbe

Aber niemals vollständig.

 

Die Wahrheit liegt im Widerspruch –

Verkantet, verwoben, im Zweifel und im Bruch.

Ich ist ein anderer und der Andere ist Ich –

Wer sich ganz verstehen will, der schafft es nicht.

 

Doch hör gut zu, es gibt eine Kraft, die es schafft

Sich über deinen Zweifel zu erheben

Und sich mit deinem Geiste zu verweben.

 

Ich nenne es das absolute Auge –

Ist nicht wirklich Gott

Aber auf jeden Fall ein Glaube.

 

Der Glaube nämlich, dass das Leben an sich

Von Bedeutung ist,

Dass die Suche nach Sinn
Nur der Anfang ist.

Dass das Wissen darum,

Das Erkunden und Erkennen,

das Durchleuchten der Suche,

Das Hinterfragen und Benennen,

Auch nur eine weitere Stufe stellt

Zur Einsicht in das absolute Auge der Welt.

 

Man wird jede Stufe einmal gehen,

Um am Ende wieder auf dem Boden zu stehen.

Nur kann man den Boden jetzt wirklich sehen

Und erkennt: Es war Bestimmung, genau hier zu stehen.

 

Ich nenne es das absolute Auge –

Ist nicht wirklich Gott

Aber auf jeden Fall ein Glaube.

 

Du nicktest selbstgefällig
Warst schon im Begriff zu gehen.

Doch ich pfiff Dich zurück:

 

Alter, bleib doch mal stehen!

Für mich ist der Kuchen noch nicht gegessen

Deine Antwort ist zwar schön, aber ziemlich vermessen!

 

Absolutes Auge, was soll das sein?

Ich seh‘ kein Licht, das mich leitet.

Ich fühl mich allein!

 

Wie soll ich mit den anderen Leben,

Ohne mich selbst aufzugeben?

Wenn alles so unglaublich scheint,

Eben gar nicht wirklich, höchstens wirklich gemeint.

 

Für mich ist deine Theorie nur ferne Utopie!

Warst du mal am Alexanderplatz?

Hast du für Konsum, Kommerz und Facebook

Einen passenden Satz?

Messerstechereien,

Unbemannte Drohnen,

Selbstmordattentate –

So viele Informationen!

Je mehr ich weiß,

Je mehr deprimiert mich der ganze Scheiß!

Klar, Wissen hat seinen Preis.

 

Aber sieht dein absolutes Auge

Wirklich ganz genau hin?

Oder ist es längst verschlossen,

Wegen all dem Irrsinn?

 

Absolutes Auge, was soll das sein?

Ich seh‘ kein Licht, das mich leitet.

Ich fühl mich allein!

 

Du schautest nun etwas bedrückt.

Der Zweifel an Deiner Theorie

Ist mir anscheinend geglückt.

 

Johann Gottlieb Fichte – Wir lagen traurig im Gras.

Erst sagtest du gar nichts, ich dachte, das war’s!

Doch dann küsstest du mir alle Tränen vom Gesicht.

Deine folgenden Worte vergess‘ ich nicht:

 

Ich weiß, man kann den Glauben heutzutage leicht verlieren.

Doch manchmal bekommst du vielleicht eine Ahnung

Von der innerweltlichen Verzahnung.

 

Und dann ist der Glaube neu entfacht.

 

Zum Beispiel, wenn du durch die Liebe zu etwas anderem

Dich selbst erkennst.

Wenn Du für etwas brennst,

Es Verwandtschaft nennst –

Dann fließt eine Kraft durch die Glieder,

Von dem einen zu dem anderen,

Spannt ein Band,

Und durchbricht die Wand.

 

Du sieht doch wohl,

dass es Momente wie diese gibt?

Aber fragtest du dich nie

Nach dem verbindenden Glied?

 

Ich glaube, ein magischer Moment wie dieser geschieht

Nur, weil man ihn sieht.

Man sieht sich durch das absolute Auge

– Das ist mein Glaube.

 

Dann drehtest du dich um und bist einfach gegangen.

Ich habe dich seither nicht wieder gesehen.

Doch ich muss gestehen,

dass bei mir etwas von deinen Worten hängen geblieben ist.

 

Ich möchte nicht sagen, dass mein Leben sich seit unserer Begegnung gravierend verändert hätte. Vielmehr hat sich meine Sicht auf es verändert. Und damit erscheine auch ich verändert. Dabei sind die Welt und ich immernoch die gleichen. Glaube ich zumindest, weiß ich aber nicht … Ich weiß ja noch nicht einmal, ob diese Begegnung mit dir wirklich stattgefunden hat. Und ehrlich gesagt, ist es mir auch gar nicht so wichtig.

 

Aber ich glaube, ich weiß, dass der Glaube mit dem Zweifel kommt;

Und der Zweifel mit dem Glauben.

Ich finde, wenn man kaum mehr einen Sinn im Leben sieht
Kann man sich zumindest dieses Gedanken erlauben.