In verrückter Gesellschaft!

In verrückter Gesellschaft! Vom Wunderland der Philosophie zwischen den Abbildern der Wirklichkeit und der Wahrheitsfähigkeit der Kunst

Lane Ziegler – Augsburg 3.6.2014

Lane Ziegler Augsburg 2014

Was siehst du, wenn du Philosophie studierst?

Du fällst…in ein Kaninchenloch, eine platonische Höhle und bist verwundert über deine schwarz-weiß-gestreiften Strümpfe, denn das Denken ist nicht schwarz oder weiß, es ist schwarz-weiß-gestreift, oder auch dialektisch. Das ist die Richtung, in die dein Denken geht, das ist das Denken, worin dich deine Füße tragen:

Du gehst…vorbei an der Grinsekatze, dem lachenden Philosophen, welcher dir das Glück verkündet, du aber nichts davon bemerkst und an dessen Grinsen du nur verständnislos vorüberziehst; für Ataraxia, für Gelassenheit, bist du zu jung, vielleicht in zwanzig Jahren…dann vielleicht.

Du gehst…vorbei an Nietzsche, dem Absolem, der rauchenden Raupe, welche von der Metamorphose des Menschen kündet, selbst aber nur seine Pfeife raucht, sich nicht verpuppt. Dir bleibt nur eine Vorstellung, eine Imagination von einer Imago des Übermenschen, der du sein sollst.

Du triffst…auf Humpty Dumpty, der dir sagt, dass du Ruhm hast und damit eigentlich ein schönes zwingendes Argument meint und er sagt, wer die Macht hat, hat auch die Macht, die Bedeutung den Worten zuzusprechen…so einfach ist das, nicht mehr, nicht weniger! Er zeigt dir die Unsinnigkeit deiner Sprache auf, mehr als es Wittgenstein und Frege je könnten, du gehst an ihm vorbei…

Du bekämpfst den Jabberwocky mit dem vorpalen Schwert, der die einzige Grenze in der Kluft zwischen dir und dem Übermenschen scheint, und am Ende stellst du fest, dass du gegen den Leviathan von Hobbes gekämpft hast, um ihn in Schranken zu weisen, mit dem Schwert der Gerechtigkeit, die dir in dieser platonischen Hasenhöhle noch häufig begegnen wird. Doch wenn man mit Ungeheuern kämpft, kann es sein, dass man selbst zum Ungeheuer wird: Und du fragst dich nach einem Zusammenhang mit diesem Jubjubvogel und dem großen Vogel, dem Uccello, der große Vogel, dem technischen Flugapparat Leonardos, oder nach einem Zusammenhang mit den smart bombs.

Und du wirst gewahr, wie sich Menschen in Säue verwandeln, wenn du versuchst, ihnen zu helfen…du wirst gewahr, wie sie in ihren kleinen Kellerwohnungen sitzen, vor einem kleinen schwarzen Kasten, der mittlerweile gar nicht mehr so klein ist, dank LCD-Technologie und Dolby-surround-System, du wirst gewahr, wie sie vor diesem kleinen schwarzen Kasten sitzen, der mittlerweile ziemlich groß geworden ist, diese Guckkastenbühne als Home-cinema-anlage ohne den Anspruch einer moralischer Anstalt, ohne den Anspruch, den Gegensatz von Pflicht und Neigung zu überbrücken: Das einzige was hier überbrückt wird, ist das eigene Denken. Auch ohne Schiller schillert und flimmert es aus diesen Kästen. Mit Model-Castingshows vielleicht. Ein spannerndes, spannerndes Programm wird dort geboten, wenn Minderjährige sich eins abheulen, weil sie nicht im Ranking weiterkommen…Gaffend sitzen sie davor, die Zuschauer des Schattenspiels, die sich währenddessen Fast-Food, also fast Essen, also kein richtiges, reinziehen. „Hungriger greif nach dem Buch, es ist eine Waffe.“ Die Unterschicht wurde entmachtet. Nach drei Doppelwhoppern fällt es schwer, hungrig zu sein. Das ist gewollt. Sie sitzen nicht mehr gefesselt, die Zuschauer des Schattenspiels, in dieser platonischen Höhle, doch immer noch mit der Tür im Rücken: Sie könnten aufstehen und gehen! Sie bleiben sitzen und wollen glauben, dass diese kleine Welt in diesem kleinen schwarzen Kasten die Wahrheit ist und sie ein Teil von ihr. Sie entdecken ihre Wirklichkeit schon lange nicht mehr selbst, mit ihren Denken, denn sie wird für sie geschrieben, scripted reality nennt man es ….sie nehmen sie dankbar an, ohne brechtschen Verfremdungseffekt, doch mit Entfremdungseffekt, von sich selbst…“Don’t grunt,“ said Alice, „that‘s not a proper way of expressing yourself!“

Denn in einer Welt, wo die Wirtschaft schreit: „Ab mit den Kopf!“ braucht man kein eigenes Denken, man darf nur nicht zu spät kommen…zu spät, zu spät ich komme viel zu spät…, Kaufen, Verkaufen, nie zu spät kommen, wofür? Keine Ahnung. Hab nie darüber nachgedacht. Das braucht Zeit. Zeit, die wir nicht haben. Anscheinend. So lässt man uns glauben. Freizeit ist ein Golfspiel mit der Herzkönigin Wirtschaft, ich meine Croquet, Croquet natürlich, natürlich. Und so entwächst du deinem Denken: Deinen Strümpfen, deinen Schuhen. „Oh my poor little feet! I wonder who will put on your shoes and stockings for you now? But I must be kind to them,” thougt Alice, “or they won’t walk the the way I want to go!” Vielleicht besteche ich mein Denken mit ein paar neuen Strümpfen, oder Schuhen? Vielleicht lege ich mein Denken ganz ab? Du siehst zu, wie dein Denken deinen Schuhen entwächst, oder ent-schrumpft, oder ent-strumpft? Und du ersäufst in deinem eigenen „Pool of Tears“, und stellst fest, dass du fast zum weinenden Philosophen geworden bist. Ist van Gogh ein Schuster? An all dem geht man vorbei wenn man durch das Kaninchenloch fällt.

Und du denkst dir ulkiger und ulkiger! „Die Verwunderung den Menschen ist jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens.“ Das Wundern belässt das Phänomen nicht beim Wunder, das Wunder gilt es zu erklären, mit Logos, nicht Mythos

Und doch erschaffst du Mythen…ich erschaffe, Dramen, Bilder, Geschichten, erzähle Geschichten…bin Abbildender der Wirklichkeit! Bin ich im dritten Grad vom Seienden entfernt, und maße mir an, Sie mit Abbildern zur Erkenntnis zu führen. Sind es Abbilder? Ist van Gogh ein Schuster? Der Slam ist eine Kunstform! Wenn der Zweck der Kunst die Nachahmung ist, so ist sie weit von der Wahrheit entfernt. Und doch ringe ich hier um die Wahrheit, mit einem Mythos! Wie kann etwas, was schon vom Begriff her offensichtlich „künstlich“ ist, etwas Wahres hervorbringen? Fähig sein, wahre Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen?

PAUSE!: „Es ist doch vielmehr so, wie wir vorhin vom Maler sagten: er macht etwas, das wie ein Schuster aussieht, ohne daß er selbst vom Schusterhandwerk etwas versteht, und er malt es für Leute, die auch nichts davon verstehen, sondern nur auf die Farben und auf die Umrisse schauen […]“, sagt Platon im zehnten Buch der Politeia. alles wegen der Analyse von großen und kleinen Buchstaben, der Analyse der „Ver-fasst-heit“ des Staates, der Analyse der Seelenteile der Bürger. Oder um das Phänomen modern zu benennen: Wegen der „normativen Kraft des Faktischen.“ Und diese gewinnt angesichts des Scripted-Reality-Formats der aktuellen Fernsehpraxis eine neue Bedeutung: So schlimm wie der bin ich nicht: Vielleicht sollte ich es aber sein. Dann komm´ ich ins Fernsehen.

Doch die Idee des Guten, kann nicht diskursiv gedacht werden, sie kann nur im Wege einer die letzten Wahrheiten vermittelnden und damit wahrheitsfähigen inneren Schau geschaut (!) werden. Bis dahin ist im Hypothesisverfahren voranzuschreiten, vom stärksten Argument zum nächsten. Und der Dialog zwischen Bild und Betrachter hat die gleichen Strukturen. Ein Dialog der mit dem Anschauen des Bildes beginnt. Oder auch der Dialog des Dramas, der in der Rede entsteht…oder auch mein Slambeitrag, …kein Monolog, ein Dialog, ein Dialog der in Ihren Köpfen entsteht! Dia logos! Durch Logos. Durch Worte. Das Mittel, mit dem die Einsicht wächst.

Der Mythos als Gegenbegriff des Logos taucht als Schlussmythos der Politeia wieder auf: Der Philosoph wird zum Mythendichter. Er versöhnt die Diskrepanz zwischen Kunst und Philosophie. Gegen Kunst ist nichts einzuwenden, solange sie im Lichte der Idee des Guten steht. Und schließlich auch im Lichte des Wahren: Die Kunst, die das Schöne in einer langen Tradition für sich vereinnahmt hat, wehrt sich gegen jede Definition. Wie auch das Gute oder das Wahre als Prinzipien nicht definierbar sind. Sie sind Annäherungen von unterschiedlichen Betrachterstandpunkten her: Universalien. Aus ihrem bloßen Begriff kann man ihren Inhalt nicht ableiten. Alle aber gleichfalls Bereiche, denen man sich mit dem Logos annähern kann. Der Künstler muss nicht Schuster sein, um Schuhe malen zu können, er müsste sie, um es mit den Philosophen Leonardo da Vinci zu sagen, nur s e h e n, und das bedeutet eine Menge: nämlich dass er sie gleichzeitig versteht, ihre Funktionsweise begreift und sie in die großen Zusammenhänge des Makrokosmos einordnet.Nicht die reine Abbildung des optisch vorgefundenen Phänomens „Schuh“, ohne es zu begreifen. Sondern aus der Erkenntnis, dass dieser Gegenstand einen genau ihm zugeordneten Platz in der „kleinen Welt“ hat, die der „großen Welt“ entspricht: Aus der Gleichwertigkeit von Erkenntnissubjekt und -objekt, aus der Gleichwertigkeit von Wirklichkeit und Kunst, aus der inneren Entsprechung der „großen und kleinen Buchstaben“. In diesem Zusammenhang verwundert es nicht, dass auch die Kunst auch wahrheitsfähig sein kann.

Die Wahrheit? Du denkst an Aristoteles. Keiner hatte sie ganz. Aber es bedeutet auch: Keiner hatte sie je verfehlt. Denn das heißt, dass man sie auch entgegen aller Logik auch ein bisschen haben kann, anders als ein bisschen schwanger, ein bisschen Junggeselle…Etwas kann auch ein bisschen wahr sein.

Nun erzähl ich aber meinen Schlussmythos zu Ende: Es wird ein anderes Höhlengleichnis sein. du bist also durch das Kaninchenloch gefallen, oder auch in die Höhle zurückgekehrt, um die anderen zur Wahrheit zu führen, so denkst du, aber du hast mit der Wirtschaft nicht gerechnet…Du siehst die Stellenstreichungen wie an geisteswissenschaftlichen Fakultäten, du siehst die Abhängigkeit der Wissenschaft von der Wirtschaft.

Du nimmst Platz bei einer Teegesellschaft, bei einem anderem Gastmahl, nicht des Platon, du untersuchst Fragen, wie was ein Rabe mit einem Schreibtisch zu tun hat, oder mit Allquantoren, ob alle Schwäne schwarz sind oder so…

Deine Gesellschaft ist ein abgehetzter Hase und eine schlafende Maus…Wie bei Hamlets Mausefalle, einem künst-lichen Experiment, bei dem die Wahrheit zu Tage tritt.

Du schlürfst deine Consommè aus deiner Teetasse, dein Konsumsüppchen, in Abhängigkeit der Wissenschaft von der Wirtschaft. Am Ende bist du der Hutmacher, wohlbehütet im Elfenbeinturm der Wissenschaft-en.

Du wartest ab, du trinkst Tee: du suchst nicht mehr die Wahrheit, denn du machst jetzt Wissenschaft. Du schaust dich um: denn du bist in verrückter Gesellschaft! Tee?