Ich liebe dich, wenn ich mich liebe

Ich liebe dich, wenn ich mich liebe. Ich liebe mich, wenn ich dich liebe.
Zum Verhältnis von Eigen- und Nächstenliebe

Bruno Johannsson

Kann man sich selbst überhaupt lieben? Kann man sich selbst eine Liebeserklärung machen? Sich vor den Spiegel stellen und mit einem koketten Augenaufschlag dem Spiegelbild zuflüstern: Ich liebe dich? Sich vielleicht sogar noch ein Küsschen geben. Das funktioniert. Es bleiben sogar eindeutige Spuren auf dem Spiegel zurück. Schwierig wird es nur, wenn man sich etwas ins rechte Ohr flüstern möchte. In dem Moment, wo man sich mit dem Mund dem rechten Ohr nähert, kommt im Spiegel das linke heran. Chaotisch.

Braucht die Liebe nicht das Du? Kann mein Ich mein Du sein? In den Selbstgesprächen, die ich mitunter führe, kommt es regelrecht vor, dass ich mich mit du anrede. Ist das eine Art von Perversion, eine Art von Schizophrenie? Ich halte es für normal. Wenn ich eine Beziehung zu mir selbst haben kann, dann kann ich mich auch selbst lieben. Diese Eigenliebe wird sogar zum Maßstab der Nächstenliebe erhoben in dem Satz in der Bibel, der nicht nur für Christen eine Art moralisches Prinzip darstellt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“(i)

Wie sieht es aus mit meiner Eigenliebe? Gefallen tu ich mir jedenfalls nicht so ganz. Wenn ich wieder in den Spiegel schaue und dort denjenigen ohne schützende Kleidung stehen sehe, den ich lieben soll, wird mir so gar nicht warm ums Herz: Die vielen Falten im Gesicht, an Brust und Bauch und Po, massenhaft Altersflecken auf der Haut, Krampfadern an den Beinen. Wenn ich mich dann mit meinem großen Vorbild vergleiche, dem Gott Apollon, dann wird mir regelrecht schlecht. Mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und dem Dichter Rainer Maria Rilke möchte ich rufen: ‚Du musst dein Leben ändern.‘(ii) Auch seelisch hab‘ ich so vieles zu bemängeln: Jähzorn, Trägheit und so manche andre „Tugend“. Manchmal mag ich mich wirklich nicht. Lieb‘ ich mich trotzdem? Muss ich mich mögen, um mich zu lieben? Ist Gefallen eine Voraussetzung für Liebe oder gar das gleiche? Wenn ja, so könnte ich mich nicht lieben. Ich wäre innerlich zerrissen. Ich würde verzweifeln. Der Ruf, du musst dein Leben ändern, würde mich wahnsinnig machen, weil mir kaum eine Änderung gelingt. Auch andere könnte ich nicht lieben. Ich wäre so mit mir selbst beschäftigt, dass ich für andere kaum etwas tun könnte. So war es lange Zeit in meinem Leben. Zum Glück ist es nicht mehr ganz so schlimm. Ich kann mit meinen Schwächen und Macken leben und sage mir: ‚Ich bin so wie ich bin und ich darf so sein. Ein bisschen Fortschritt strebe ich an. Und ein paar Stärken habe ich auch‘. In diesem Sinn liebe ich mich und könnte auch dich lieben.

Liebe ich dich wirklich? Dabei fällt mir ein, dass du auch nicht mehr die Jüngste bist. Dein Körper reißt mich nicht so recht vom Stuhle und rein ins Bett. Ich kenn dich zu genau. Auch dir fehlt es an schwachen Stellen nicht, körperlich und seelisch. An manche hab ich mich zähneknirschend gewöhnt. Andere ärgern mich immer noch. Dann ärgere ich mich über mich selbst. Was bild‘ ich mir ein? Bin ich besser? Du kannst nichts dafür. Werden wir nicht alle älter? Sollte ich dich nicht trösten anstatt mich zu ärgern: Imperfect is beautiful? Oder dir helfen, das Beste daraus zu machen? Dich lieben mit all deinen Schwächen? Und vor allem auch deine Stärken sehen und mich an die vielen schönen Momente erinnern, die wir erlebt haben und noch erleben? In manchen Situationen kann ich mich selbst von diesen Argumenten überzeugen. Dann geht es mir erstaunlicherweise sogar besser. Ich liebe mich selbst, wenn ich dich liebe.

Ist es schlimm, dass es mir gut geht, wenn ich dich liebe? Ist das am Ende auch nur wieder eine Form von Egoismus? Oder ist es eine Art Naturgesetz, dass wir gar nichts Besseres für uns selbst tun können als andere zu lieben? Nächstenliebe eine Form von Eigenliebe? Richtig verstandene Eigenliebe drängt zur Nächstenliebe?

Da fällt mir mein Chef ein. Er mochte mich nicht all zu sehr. Ich war ihm zu kritisch. Als ich dann gegen seine Rationalisierungsmaßnahme beinahe erfolgreich opponiert und sogar noch Kollegen dagegen mobilisiert habe, war für ihn das Maß voll. Er hat mir Beine gestellt, wo er nur konnte: Bossing nennt man das heutzutage. Mein Chef war mein Feind. Das Ganze gipfelte in einer Abmahnung und endete vor dem Arbeitsgericht. Es kam zum Vergleich. Ich blieb im Betrieb, den Chef immer noch vor der Nase. Wie viele Stunden habe ich in dieser Zeit damit verbracht, auf meinen Chef innerlich zu schimpfen, alle seine Schwächen aufzuzählen, ihn vor mir selbst madig zu machen, mich selbst in meinem Verhalten zu rechtfertigen. Hatte ich nicht Recht? Ja, ich war ein Rechthaber, ein Michael Kohlhaas war ich, dessen Schicksal Kleist so treffend beschrieben hat. Bis so ganz leise die Botschaft zu mir selbst durchdrang, die ich schon so oft bewundert hatte: ‚Liebt eure Feinde!‘ (iii). Was für eine Herausforderung! Und dann die Überraschung in der Praxis: In dem Maße, wie ich mich in seine Situation versetzte, seine durchaus vorhandenen Stärken sah, Geduld und Großzügigkeit an den Tag legte, ging es mir selbst allmählich besser. Ich konnte mir keinen größeren Dienst erweisen als auch ihn, der mir Übel wollte, zu ertragen, zu erdulden. Noch bevor ich mich in die Rente verabschiedete, haben wir uns sogar wieder gegrüßt. Ich habe mich geliebt, indem ich ihn lieben lernte.

Also doch: Eigenliebe und Nächstenliebe bedingen sich gegenseitig, sind wie zwei Seiten einer Medaille, stehen in einem symmetrischen Verhältnis zueinander? Aber wie steht es dann mit der Selbstlosigkeit? Muss Liebe nicht selbstlos sein? Bei der Eigenliebe ist es ein Widerspruch in sich. Selbstlose Eigenliebe? Das macht keinen Sinn. Dieser Widerspruch ist ein Argument gegen das Postulat der Selbstlosigkeit als ein Merkmal der Liebe. Bei der Nächstenliebe sieht es scheinbar anders aus.

In einem Seegebiet, in dem es von Haien wimmelt, verliert ein Kind das Gleichgewicht und stürzt vom Bootsrand ins Meer. Ohne zu zögern, springt der Vater hinterher. Beide können schwimmen, aber die Haie sind schneller. Die spontane Entscheidung war ein Ausdruck der selbstlosen Liebe des Vaters zu seinem Kind. Er hat sie mit dem Leben bezahlt. Seine Nächstenliebe hätte größer nicht sein können. Hat er auch sich selbst geliebt?

Das hängt davon ab, was ihn nach dem Tod erwartet. An dieser Stelle betreten wir die Grenze zwischen Ethik und Metaphysik. Wenn alles menschliche Dasein mit dem Tod endet, so haben weder der Sohn noch der Vater etwas von dessen Opfer. Selbst die Nachrufe in den Zeitungen und die Erinnerung in der Familie können sie nicht mehr wahrnehmen. Wenn nach dem Tod das geschieht, was orthodoxe Christen, Moslems und Juden (in der Tradition der Pharisäer) glauben und was die Forschungen über Nahtoderfahrungen nahelegen, dann sieht die Sache anders aus: Der Vater und der Sohn werden sich im Jenseits in die Arme schließen. Der Sohn wird wissen, wie sehr ihn sein Vater liebt. Sie werden beide glücklich sein über das gemeinsame Erlebnis im Erdenleben. Den Vater wird ein Blick zurück auf sein Erdenleben lehren: Als ich meinen Sohn liebte, indem ich mein Leben in einem Moment der Selbstlosigkeit für ihn hingab, habe ich auch mich geliebt. Mein Leben lang hätte ich mir Vorwürfe gemacht, wenn ich nicht versucht hätte, meinen Sohn zu retten. Und wie hätte ich mich gefühlt, wenn ich nach Jahren durch den Tunnel des Todes zu ihm gegangen wäre?

Nächstenliebe und Eigenliebe sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie sind symmetrisch. Allerdings nur unter der Bedingung, dass es eine bestimmte Form von Leben nach dem Tod gibt. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist und die Atheisten Recht haben, ist die Symmetrie verletzt. Der Atheist bringt subjektiv sogar das größere Opfer, indem er sein Leben einsetzt, obwohl er keinen Lohn im Jenseits erwartet.

Tja, meine Damen und Herren, ich habe versucht, Ihnen ein paar Gedanken auf möglichst unterhaltsame Weise nahe zu bringen. Ich möchte es aber nicht unterlassen, den Wert der ganzen Sache etwas zu relativieren. Schließlich habe ich als Philosoph nichts weiter getan als meine persönlichen Erfahrungen auszuwerten und ein paar logische Überlegungen anzustellen mit einer Hypothese als Ergebnis. Aus der Sicht einer empirischen Wissenschaft wie der Psychologie ist das nicht ausreichend. Ich als Einzelperson bin ja nicht das Maß aller Dinge. Es stimmt zwar, dass ich eine ganze Reihe Leute kenne, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und meiner These zustimmen könnten. Aber die Psychologen würden mit Recht sagen: Trotzdem unbewiesen. Ich antworte: Bis jetzt, aber die These ist prinzipiell falsifizierbar, d. h. sie kann mit den Methoden der empirischen Forschung getestet werden.

So lange das nicht geschehen ist, bleibt Ihnen, meine Damen und Herren, nur die Möglichkeit, selbst den Turm der Philosophie zu verlassen und sich ins ‚wahre Leben‘ zu begeben. Dabei können sie sich gelegentlich fragen: Liebe ich mich? Liebe ich dich? Gibt es da eine Symmetrie?

 


i, Neues Testament, Matthäus 22:39

ii, Rilke, Rainer Maria (1908/1955): Archaischer Torso Apollos, Sonett. In: Sämtliche Werke. Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt a. M. Sloterdijk hat den letzten Satz des Sonetts zum Titel seines Buches gemacht. (Vgl. Sloterdijk, Peter (2009): Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp, Frankfurt a. M.

iii, Neues Testament, Matthäus