Der Vertrieb der Wirklichkeit

Der Vertrieb der Wirklichkeit

Thomas Jörg

Wissen Sie, öfter, als man gemeinhin denkt, hat man Angst. Aber meistens spürt man sie nicht. Nur, als ob sie nicht wäre. Als ob sie nichts oder noch weniger wäre, vermeidet man ihr zu begegnen. – So sagen einige, in Angelegenheiten des seelischen Erlebens der Menschen sehr Erfahrene, die in ihrem Fach etwas gelten in der Welt. Und sie haben wohl Recht.

Möglichst ohne hinzusehen, und in großen Bögen schleichen Menschen an ihren Ängsten vielfach vorüber, wie an sehr unangenehmen Personen, mit denen man früher mal besser bekannt war. Aus Furcht, diese könnten Einen bemerken und laut nach Einem rufen, hält man dann sozusagen den Atem an. Zumindest für den Moment erweist sich die menschliche Existenz dann als ziemlich flüchtig.

Das kommt, weil man doch von jenem nicht angesprochen werden möchte, was man an sich selbst nicht ertragen kann, weil man in der Erwartung steht, dass dieses, wo es Einen entdeckte, versuchen würde, wie mit großen Plakaten, in aller Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass man nicht genügte und liebevolle Zuwendung keineswegs verdiente. Sich, sich selbst zu zeigen, ist, wenn man jenen Fachleuten Glauben schenken kann, in diesen Zeiten, ein Unterfangen, das unerhört vielen Menschen heimlich – aber dem geschulten Auge offensichtlich – nicht selten als zu riskant erscheint. Die allgemeine Verunsicherung, was die eigene Person betrifft, reicht bei vielen Menschen tief. Da geht man sich, wenn es möglich ist, doch sicherheitshalber aus dem Weg. Aufs strengste verheimlicht. Selbstverständlich. Dass keiner was merkt. Vor allem man selber nicht.

Dem Menschen aber, ist das nun einmal eigentümlich, dass er sich selber, so lange er lebt, auf Schritt und Tritt begegnen muss. Was nun? Wahrhaftig ein Kunststück, was Einer da dann, immerfort aufs Neue, zu leisten sich genötigt findet. Kein geringes Problem. Die Aufgabe lautet somit, dass er in seinem Leben nach Kräften vermeidet, dass er in der Tat lebendig und greifbar wird. Und möglichst ohne, dass das jemand bemerkt.

Das Leben der Menschen beschleunigt sich. Immer weiter und weiter. Warum? Es kann Einem, der es zu leben versucht, ganz schwindlig werden dabei. Die Zeit, die bleibt, um jene Dinge zu tun, von denen man sagt, dass man sie zu tun habe im Leben – wird weniger. Immer weniger. Und fliegt wie der Wind. Man jagt stets dahin und findet sich stets gejagt. Zwangsläufig wird das Leben der Menschen da flüchtiger. Man muss ja weiter kommen. Zum Nächsten. Das wartet immer schon ganz dringend. Und eben auch wiederum, damit man weiterkommt im Leben (und nicht etwa in Teufels Küche). Der Mensch selbst wird zerstreut und flüchtig. Mehr und mehr. Er ist hier und da und da und dort. Beinahe überall. Zwischenzeitlich beinahe überall. Beinahe überall findet er sich nirgends. Warum entwickelt sich aber das menschliche Leben jetzt so unheimlich flüchtig?

Kann das am Ende denn wirklich wahr sein – denn der Zeichen sind doch wohl gar viele, die darauf deuten – dass die Menschen, hier und jetzt, wie sie nun einmal leben, sich bei allem Bemühen, dennoch, gewöhnlich ganz gründlich – jeder für sich und alle miteinander – sich missverstehen und verfehlen? Sind wir alle am Ende? Sind wir alle am Ende mit unserer Zeit und kaum mehr wesentlich? Beinahe nur noch wirklich, insofern als wir so tun, als ob wir, wir selber wären, ohne, dass wir es in der Tat auch entschieden zu sein vermögen? Ist es nicht, dass wir uns nurmehr ganz an der Oberfläche gewöhnlich spüren, uns rätselhaft vergessen immerfort, uns auf unfassbare, unheimliche Weise immer aufs Neue aus der Hand genommen finden und verbannt in ein Gefühl, dass wirklich zu leben viel zu schwer für uns ist und ohne, dass wir von dieser Verbannung im Alltag etwas Greifbares bemerken?“

Und ich frage: Ob das vielleicht kommt, weil der Mensch diejenige Zeit nicht länger mehr aushalten kann, die er seit wenigstens 2500 Jahren im Leibe hat, um zu leben und ob er dieselbe also – aus dieser großen Not heraus – nach Kräften vertreiben muss, ohne, dass er sich dieses gigantische, globale Unternehmen ́Zeitvertreib ́ gegen sich selber, zuzugeben wagt? (Zumal ja durchaus wohl auch fraglich ist, ob es gelingen wird im Ausgang des alten Zeitalters noch einmal ein anderes, weiteres und wieder tragfähiges zu erschließen.)

Leere und Verlorenheit, – Gefühle, die die Welt regieren und irgendwie weitgehend ungreifbar bleiben noch immer, weil der Mensch Meisterschaft erreicht im Zeitvertreib und also die Zeit nicht hat für eigene Gefühle? Doch Spaß und Vergnügung von Jedermann machen arg müde. Es kostet bereits große Mühe weiterhin unter Hochbetrieb zu sein. Wehe, – was wird nach dem Kollaps übrig bleiben? – Wüste! Freilich! Verwüstung, wie nach jeder schweren Süchtigkeit. Aber die Wüste lebt, sagen die Leute. Dann wird man sehen müssen …

Jemand, der sich, sich selbst, wieder und wieder, nahezu jeder Zeit Jedermann beweisen muss, der ist besessen von dem Gedanken, dass er erst noch Etwas werden müsse, dass er – anders herum gesagt – als Mensch noch nichts sei oder zumindest kaum mehr als dieses. Ihn treibt stets an riesige Angst nicht zu genügen, zu wenig zu sein in einem absoluten Sinne, das Leben sich doch nicht verdienen zu können am Ende und es also nicht zu verdienen.

Menschen mit stark ausgeprägtem Drang vor den Anderen gut angesehen zu sein gibt es gar viele. Es ist etwas, für das geübte Auge, Hysterisches an ihnen. Zuweilen erinnern sie an verängstigte Kinder, welche sich, auf diese oder jene Weise, bei den „Großen“, vorzugsweise natürlich bei Mama und Papa, immer wieder rückversichern müssen, ob sie denn wohl auch artige und liebe Kinder seien, für die man sich nicht schämen muss. Ein Leben in fortwährender Agonie. Stetes Ringen um Lob und Anerkennung, gleich den Ertrinkenden, die nach Luft schnappen müssen. Denn es ist sehr wichtig, sagen auch die Lehrer und Eltern, dass man etwas gilt auf dieser Welt. Man ist süchtig. Geltungssüchtig.

Ein geltungssüchtiger oder sagen wir jetzt ein, in Beruf und Freizeit, ganz unauffällig und normal leistungsorientierter Mensch, fühlt sich alltäglich in seiner Existenz zutiefst in Frage gestellt, kämpft in jedem Augenblick ums Überleben und bemerkt es nicht. Einerseits. Andererseits bemerkt er es wohl. Er weiß um seine furchtbare Lage, aber er birgt dieses Wissen ganz tief in sich, beinahe so, als ob es nichts oder nicht wäre.

Der geltungssüchtige Mensch – oder lasst uns sagen: der ganz normale Mensch unserer Zeit, wie wir ihm täglich in tausend Spiegeln begegnen – erfährt sich in seiner Welt verortet irgendwo zwischen Nicht und Nichts. Dort läuft er Tag und Nacht auf Hochbetrieb. Pausenlos. Pausenlos tut er alles, was er kann. Aber er kann nichts tun. Nicht wirklich. Denn er erfährt tagtäglich, dass er noch nichts ist (oder kaum mehr) und also erst noch jener werden muss, der er ist (aber jetzt noch nicht), um dann erst – eines Tages – endlich in dieser Welt doch noch ganz da sein zu dürfen und präsent. Denn —

wir leben im Zeitalter des Ideals, der Idee, in dem hat man, von Haus aus, für das „eigentlich“ Wirkliche erklärt jenes, was erst noch werden muss. Jenes hingegen, was erst noch zu werden hat, weil es noch nicht geworden ist, was es eigentlich ist, ist so gesehen „eigentlich“ noch nichts oder jedenfalls kaum mehr. Ein Häuflein Staub und Erde, wenn man so will. Es ist also nötig zuerst noch zu werden, was man „eigentlich“ ist. Und die Zeit bis dahin, – die kann noch sehr lange währen. Eine Ewigkeit lang womöglich. Denn —

wir leben in einer tausende Jahre währenden Kultur, regiert von einem sehr leicht verletzlichen Gott, der seine Menschen mittels einer Kirche führt, die nimmer müde wird zu erweisen, dass nur ein Gott aus eigener Kraft das Himmelreich zu erreichen vermag, dass menschliche Wesen dazu von Haus aus nicht genügen, dass Menschen, wie Du und ich also ihr Leben lang ihre Existenz gar nicht verdienen und also ganz davon abhängen, dass der Gott eines Tages – vielleicht, weil er das so putzig findet schließlich, wie die Menschlein sich verrückt vor Angst völlig umsonst sich selber und Eins das Andere, nicht mehr enden wollend, quälen – Gnade vor Recht erlassen lassen wird.

Du und ich benötigen die regelmäßige Versorgung mit äußerer Anerkennung, damit wir uns dazu berechtigt fühlen können am Leben zu bleiben. Herrscht diesbezüglich ein Zustand des Mangels, so werden wir gegenüber anderen Personen leicht zudringlich und überschreiten – zumeist auf eher unauffällige Weisen – Grenzen des Anstands, weil wir doch diesen, deren positive Anerkennung, hinsichtlich unserer Person abringen müssen, wie der Vampir seinem Opfer frisches menschliches Blut. (Und wehe, wir bekommen nicht, was wir wollen.) Ein Geltungssüchtiger braucht immerfort „sein Publikum“. Daran wird er erkannt. Ohne sein Publikum übermannt ihn alsbald großes Schwächegefühl. Er erinnert dann an einen großen bunten Luftballon, der in einem Dornengestrüpp zu Schaden kommt. Für sich nämlich kann er beinahe gar nichts tun. Er braucht die Anderen. Er braucht wieder und wieder die Anderen dazu etwas zu tun. Die Anderen sind es für die er fast alles tut und für die er große Leistungen erbringen kann, damit sie es ihm dann wieder sagen: „Das hast du recht gemacht, mein Kleiner! JA, SO ein liebes Kind! Mama und Papa haben dich, JA, SO lieb!“

Sich, sich selbst, beinahe zu jeder Zeit, beinahe Jedermann, beweisen zu müssen, bedeutet eine unerhörte Not. Es hat also zweifellos seine Notwendigkeit und ist mit moralischen Kategorien überhaupt nicht zu erwägen. Trotzdem: Ein äußerst bedenkliches Unternehmen. Dieses Unternehmen intendiert, im jeweiligen Gegenüber, einen Glauben zu erzeugen, den man bislang doch selber gar nicht aufzubringen vermag. Denn, wer Andere an etwas Glauben machen will, was er selbst nicht von sich glauben kann, hofft, dass, wenn erst die Anderen an ihn glauben, dass er dann auch an sich selber glauben kann. Du und ich, wir stehen vor unseren Mitmenschen zumeist wie schwer belastete Angeklagte vor dem Hohen Gericht, und können uns Fehler zu machen in unserer Verteidigung nicht leisten, weil – ja – zu jeder Zeit, in der Tiefe und streng verheimlicht, zu befürchten für uns steht, dass wir uns eines Tages, mittels eines unwiderruflich ausgesprochenen Urteils dieses unheimlichen Gerichtes, für immer vom wirklichen Leben ausgeschlossen erfahren werden, weil wir nicht sein können, was wir, wie wir glauben, doch sein müssen, um selbst auch wenigstens zu Jenen gehören zu können, die es verdienen am Leben zu sein.

Dem Geltungssüchtigen ermangelt es an der Fähigkeit für und vor sich selber einzustehen. Aus sich selbst heraus kann er für sich keinen wirklichen Anhalt zu leben finden. Ohne Hoffnung in sich, zu leben von Grund auf berechtigt zu sein, kann er nur in Abwendung von sich agieren, wagt nie unmittelbar auf sich selbst zu sehen. Für diesen Fall stünde, wie er glauben muss, das Schlimmste zu befürchten. Also lebt er weitestgehend sein Leben, als ob es diesen furchtbaren Aspekt gar nicht gäbe. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt er immerzu auf das, was die anderen Menschen von ihm denken und vergisst das doch immerfort, dass er das tut. Von deren Verhalten, sofern dasselbe sich auf ihn (den Geltungssüchtigen) bezieht, wird fortan im Wesentlichen sein Leben insgeheim geführt.

Das Kaninchen, ein Mal in den Bann einer Schlange geraten, wird von dieser Schlange im Regelfall alsbald verschlungen. Der Mensch, der in eine unheilvolle Abhängigkeit von den Meinungen der Anderen gerät, vermag zwar ebenfalls für sich unmittelbar nichts zu tun, aber auf diese Anderen, die ihn zu vernichten drohen, kann der, von äußerer Bestätigung abhängige Mensch, doch einigen Einfluss noch nehmen, indem er durch geschickte Aufführung – einem guten Schauspieler gleich – die Wahrnehmung seiner Person durch dieselben (d.h. durch die Anderen) manipuliert. Der geltungssüchtige Mensch spielt sich vor „seinem Publikum“ in einer mehr oder weniger unmerklichen Weise auf, von welcher er sich erhoffen kann, dass diese ihm diejenige Anerkennung einbringen wird, die er doch zum Überleben so dringend benötigt. Am Ende wird er sich – vielleicht, wer weiß – noch derart intensiv in die Erwartungshaltung anderer Menschen hineinspielen, dass ihm mit der Zeit ganz und gar dabei übersehen und verloren geht, dass er in der Tiefe doch gar nicht identisch ist mit jener Person, die er tagtäglich zwischen sich und sein Publikum auf die Bühne stellt. Da aber nun einiger Anlass zu der Annahme besteht, dass dies häufig geschieht, vielleicht sogar in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle – so ist doch stark darauf zu acht zu haben, dass das alles wohl kein Zufall ist und auch keine moralische Frage. Denn, wer mit sich selber nicht leben kann, wie er glaubt, dass er ist, der gibt in seiner Not ganz heimlich die Wirklichkeit lieber auf. Lieber nämlich zieht er es dann vor – zumindest vorläufig – als jemand zu leben, der er nicht ist, als dass er sich entschließt das Leben an sich aufzugeben. Ist das nicht der Wahnsinn, dass in dieser unsrigen Welt – ganz normal und alltäglich und mit dem vollen Recht einer Kreatur, die zutiefst in Not geraten ist – Wirklichkeit in unserer abendländischen Kultur nun nahezu abgeschafft ist und keiner hat es gemerkt?