Beweis der Existenz der „Willensfreiheit“

Beweis der Existenz der „Willensfreiheit“

Ingo-Wolf Kittel (vorgetragen beim Philosophy-Slam in Augsburg, am 12. Juli 2008)

Zur Einleitung

Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, doch philosophisch regsam;
der Fress-Sack hängt mir kaum ums Maul, so werd ich überlegsam.
Ich schwenk ihn her, ich schwenk ihn hin, und bei dem trauten Schwenken
geht mir so manches durch den Sinn, woran nur Weise denken. Christian Morgenstern, vorgetragen nach der Vertonung von Will Elfes

Ich kann nichts dafür: es ist Zufall, dass ich kein Droschkengaul bin, sondern Psychotherapeut und der Gründer des Diskussionskreises „Philosophisches Café Augsburg-Schwaben“. (Philosophie ist unter Augsburger Bürgern also schon länger Thema.)

Ich kann nicht anders. „Keiner kann anders, als er ist“, sagt nämlich der bekannte Hirnforscher Wolf Singer. Er behauptet (im Untertitel des gedruckten FAZ-Beitrags…) auch „Verschaltungen legen uns fest.“ Ich kann also erst recht nichts dafür, dass ich heute hier stehe. Aus Sicht von Naturwissenschaftlern Singer’scher Denkart hat nämlich mein Gehirn mich hierher kommandiert. Singer hat deswegen auch dazu aufgerufen: „Wir sollten aufhören von Freiheit zu reden.“

Auch ein Kollege von mir, der Psychologe Wolfgang Prinz, behauptet, unser Freiheitsgefühl, Freiheitsstreben, Gedankenfreiheit, Wahlfreiheit, Entscheidungs- und Willensfreiheit sei alles Illusionen! Wie das Rad soll es sich dabei lediglich um sozial nützliche Erfindungen in einer im übrigen naturwissenschaftlich nicht anders als deterministisch vorstellbaren Welt handeln.

Bei ihrem gigantischen Blick auf das Weltganze übersehen unsere angeblich ganz nüchtern „Fakten“ registrierenden Naturalisten bloß eine Kleinigkeit:

Wir haben es beim Freiheitserleben, bei freien (und manchmal auch geheimen) Wahlen, bei allen auf freien Entscheidungen, gemeinsamen Beschlüssen oder persönlichen Entschlüssen beruhenden freien Handlungen mit Tatsachen zu tun, mit „Tatsachen“ in des Wortes wörtlicher Bedeutung: nämlich mit „Sachen der Tat“ – Taten, die wir erst einmal vollziehen müssen und vor allem vollbringen, also ‚voll‘ bringen müssen.

Wir müssen unser „Tun und Lassen“ mithin betrachten, soll Willensfreiheit in den Blick kommen.

Willensfreiheit ist eine Sache der Tat. Sie muss sogar auf besondere Weise verwirklicht werden! Sie wird aber nicht erfunden; sie wird vielmehr als Möglichkeit gefunden, regelrecht entdeckt und muss sodann zu einer Fähigkeit entwickelt oder „gebildet“ werden.

Mit Willens b i l d u n g beginnt bewusste Kultur!

Nicht Natur-, sondern allein Kulturwissenschaft ist in der Lage zu erfassen, was Willensfreiheit überhaupt ist. Kultur ist eine Leistung, ist unsere Leistung, eine Leistung, die jeder persönlich vollbringen muss, weil sie ihm niemand abnehmen kann.

Wollen selbst ist schon ein Tun! Wir wollen zudem immer ETWAS. Wenn wir etwas wollen, richten wir uns nämlich in unserem Tun und Handeln auf ein von uns selbst vorweg bestimmtes Ziel.

Ein Ziel bestimmen „tun“ wir auch, und zwar dadurch, dass wir uns darauf festlegen; auch das ist ersichtlich eine Sache der Tat! Wir müssen danach sogar „an“ unseren Zielfestsetzungen f e s t h a l t e n, wie der Volksmund sagt; denn jeder weiß, dass wir immer auch das noch „tun“ können: unsere Ziele jederzeit wieder a u f g e b e n!

Sich auf ein Ziel festlegen heißt wiederum, sich für dieses Ziel vorweg entschieden zu haben.

Wie einfach ist dagegen zielgerichtetes instinktives Streben! Für seine Auslösung reicht von Natur aus ein geeigneter Reiz aus, das ein naturhaft festgelegtes – „instinktives“ – Reagieren zur Folge hat.

Wie komplex ist dagegen bewusstes Wollen: es setzt eine ganze Kaskade weiterer Taten voraus, sehr differenzierte Taten sogar und sehr subtile, nämlich sorgsam aufeinander abgestimmte geistige Handlungen.

Tiere scheinen sich nicht entscheiden zu müssen, sondern festliegenden Reiz-Reaktions-Zusammenhängen und -Mechanismen zu unterliegen.

Dagegen kann nur dort entschieden werden, wo eine Auswahl besteht und eine Wahl deswegen möglich ist. Dann aber muss auch, und zwar immer, entschieden werden, was bekanntlich zur Qual werden kann.

Von Natur aus sind – „natürlich„… – auch wir Menschen in gegebenen Situationen zunächst immer momentan gegebenen äußeren Reizen und inneren Anreizen oder Impulsen ausgesetzt. Auf sie KÖNNEN wir – und tun das auch meist und in unseren ersten Lebensjahren immer! – ebenso wie Tiere reflexhaft oder gewohnheitsmäßig reagieren, nämlich auf der Grundlage von angeborenen oder konditionierten Reflexen, wie es die wissenschaftliche Psychologie ausdrückt.

NUR: Wir m ü s s e n nicht derart reagieren !

Wir können uns entschließen, auch anders zu reagieren, und sei es nur in der Form, dass wir nicht reagieren, wie Anreize und Impulse es nahe legen, am einfachsten dadurch, dass wir nichts „tun“, wie wir interessanterweise und auf den ersten Blick widersprüchlich dann sagen.

Gemeint ist natürlich jenes Tun, das wir „Stillhalten“ nennen und eigenartigerweise auch für ein Tun halten oder erklären, obwohl wir dabei nicht das tun, was wir sonst unter Tun verstehen: irgendwelche Bewegungen auszuführen wie z.B. beim Laufen, Winken oder Reden.

Etwas anderes, als aufgrund der Gegebenheiten einer Situation von diesen ’nahegelegt‘ wird, tun zu können, setzt eine Fähigkeit voraus, die sich erst mit Ende der Kleinkinderzeit entwickelt, wie schon lange bekannt ist, aber erst jüngst (von dem amerikanischen Philosophen Colin McGinn) in den Focus heutiger akademischer Philosophie gebracht wurde: die Fähigkeit uns etwas anderes ,als situativ gegeben ist, zu imaginieren, sich einzubilden oder auszudenken und sich deswegen zu dem momentan Gegebenen hinzudenken zu können. Es handelt sich dabei um die Fähigkeit, „innerlich“ oder „im Kopf“ Vorstellungen zu entwickeln oder zu bilden, Vorstellungen, die wir traditionell auch als „geistig“ bezeichnen, da wir mittlerweile ja auch Theater-Vorstellungen kennen…

Genau hier nun liegt das „Tor zur Freiheit“: durch eigenes Denken eröffnen wir uns nämlich die Möglichkeit, statt auf Situationsbedingungen irgendwelcher Art auch auf unsere eigenen Vorstellungen reagieren zu können und so zu handeln, wie wir uns das selbst vorstellen, oder wie dazu kurz auch gesagt wird: wie wir wollen.

Durch bewusstes Denken also „machen“ wir uns im wörtlichen Sinn dieses Wortes unabhängig von den Reiz-Reaktions-Zusammenhängen einer jeden momentanen Situation, von der Wirklichkeit also, wie sie im Moment ist, und dies ohne diese Wirklichkeit zu leugnen. In unserem Denken also und davon abhängig gemachtem „Handeln“ sind wir in spezifischem Sinne und Ausmaß frei: frei nämlich von den Bedingungen natürlichen Reagierens und das ganz und gar auf der Grundlage unserer Natur als Menschen, auf natürlicher Grundlage also mit ihren spezifischen Möglichkeiten, über die wir als Menschen verfügen.

Dabei steht uns grundsätzlich eine Handlungsalternative immer zur Verfügung, auf die ich schon hingewiesen habe: nicht zu reagieren, sich nicht zu rühren, weshalb in der Tat das meditative „Stille Sitzen“ der einfachste und direkteste Weg zur „Befreiung“ ist, wie Buddhisten interessanterweise seit zweieinhalb Jahrtausenden lehren.

Unsere Freiheit besteht also „in der Tat“ in Vorstellungs- und Gedankenfreiheit, in Wahlfreiheit sowie Entscheidungs- oder Entschließungsfreiheit, der Freiheit sich auf etwas festzulegen oder diese Festlegung wieder aufzuheben und uns bei unserem Handeln daran zu orientieren oder auch nicht, ganz wie wir uns entscheiden oder eben wollen.

Es ist diese Freiheit, die uns ein beliebiges Denken ermöglicht und willkürliches Handeln.

Diese unsere Freiheit erst macht die Forderung nötig, die Philosophen schon immer erhoben haben und jeder Pädagoge tagtäglich und immer wieder von neuem erheben muss (sie bildet nebenbei bemerkt auch den Hintergrund allen psychotherapeutischen Handelns): die Forderung nach…

. . . vernünftigem, nach realistischem Denken und Handeln!