Der Narr der Neuzeit

Der Narr der Neuzeit – oder: Das Schicksal des Philosophen in der Postmoderne 

Lane Ziegler

Lane Ziegler

Sinn!…Umfangen von finsterer Leere

sie schleicht sich heran, auf ihren leisen, diebischen

Sohlen: die Angst

sie kriecht an einem HOCH- ein Parasit-

Und raubt dir den Verstand

Sehnsucht, nach dem Licht: Wie

zu erreichen das Phantom?

 

„Was machen Sie beruflich?“ Was soll er da sagen. Kann er doch schon das höhnische Schmunzeln seines Gegenübers sehen, das Gegenüber, welches seinen Armanianzug zum Selbstbegriff erkor. Was er beruflich macht? Ja, er fühlt sich durchaus berufen. Zu Suchen. Die Wahrheit. Und manchmal hat er auch Angst vor ihr. Er weiß nie, ob dieses Licht der Wahrheit nicht doch nur Dunkelheit bringt. Doch noch mehr Angst macht ihm die Ablehnung dieser Menschen – „Hey Ihr Menschen! Wo seid Ihr?“ – Er sucht nicht die Einsamkeit. Und doch fand er sie. Sein Leben ist das eines unfreiwilligen Eremiten. Während ein Eremit die Einsamkeit wünscht, um der Stumpfsinnigkeit der Welt zu entrinnen, wird er damit gestraft, weil er etwas sucht, was die anderen als lachhaft bestempeln. Genauso lachhaft, wie auch er es in ihren Augen ist. Er ist ihr Clown. Ihr Narr. Ja, wohl nur ein Narr kann die Wahrheit für sich beanspruchen dürfen. Die anderen wollen sie ja nicht. Diese Einsicht wandelt seine konstruktiven Zweifel von der Welt in destruktive Verzweiflung. Eine Schwermut ergreift Besitz von ihm. Die Melancholie, die ihm die Nichtigkeit der Welt aufzeigt.

 

Es rinnt dahin – die Zeit

(ein unbedeutend Ding)

ein jedes Sandkorn hoffnungslos verloren

vertan durch Trägheit-

Das Räderwerk der Uhr zermahlt das Ich

Das Nein besiegt das Ja

Und zähe Farbe voll vom blauen

Schwarz
Sich klebrig legend um die Welt-

ein dunkler Schleier

 

Sind also das die verheißenen Übermenschen. Die Managerbosse, in deren Händen die existenzielle Zukunft ihrer Arbeitnehmer – die duldsamen Kamele! – liegt. Oder die Staatsmänner, die mit Willen zur Macht einem Kinde gleich jenseits von Gut und Böse, wohl eher von Gut, mit ihren Zinnsoldaten spielen. Sehen wir uns mal so einige zukünftige Vertreter der Gerechtigkeit an. Da stolzieren sie dahin, zu ihren Vorlesungen, zum Olymp. Die neuen Götter. Das Fitnessstudio ist ihr Tempel. Sie fahren mit ihrem Benz vor. Und tragen ihre Schönfeldergesetzessammlung in die Trendfarben der Saison gehüllt. Und wer dafür nicht das nötige Geld hat (wenn er sich immer noch nicht hat vertreiben lassen, denn als Jurist lernt man recht früh: „Geld hat man zu haben“), muss auf gewisse Drogeriemarkttäschchen zurückgreifen, die ein „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ ziert. Wer Gerechtigkeit sucht, darf aus ihrer Sicht nicht Jurist werden. Die Gerechtigkeit wird auf den Gesetzgeber delegiert. Seinen Willen. Man ist ja nur ein Rädchen im System. Oh, diese selbstverschuldete Unmündigkeit! Sie wurde besiegelt, nachdem Rechtsphilosophie nicht mehr als Teil des juristischen Staatsexamens wählbar ist. Vom Magisterphilosophen ganz zu schweigen. Ökonomismus wir huldigen dir! Danke Bologna!

Was zurückbleibt, ist den Nichtigkeiten der Welt nachzujagen. Unfähig, ein dahinter zu vermuten, geschweige denn: zu begreifen. Wer es dennoch versucht, ist ihr Narr, ihr Clown.

Er will nicht behaupten, den Sinn des Lebens begriffen zu haben. Er beansprucht auch gar nicht, die Sonne gesehen zu haben, während die anderen in ihrer Höhle die Schatten für die Wahrheit halten. Er will lediglich suchen. Suchen, ohne Clown zu sein. Muss er sich entscheiden? Entweder zu suchen und sein Leben der Einsamkeit widmen, Clown sein. Oder…: Ist also das der Ausgang aus dem Nihilismus. Der Eingang in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Er soll einer von ihnen werden. Diesen Übermenschen, die das Immanente bejahen: Reich. Schön. Und wenn man das nicht ist, dann macht einen der Onkel Doktor schön. Ein bisschen Lippen aufspritzen, hier und da Fett absaugen. Medizinisch nicht indiziert? Kein Problem!

 

Diese Welt umgibt Musik. Ein Lied vernimmt der Narr (leicht disharmonisch) stets um sich herum.

 

Willkommen Mensch-

Das ist das schöne Leben

Tag aus Tag ein nach Geld und Macht

zu streben

Die Glitzerwelt bringt Sinnerfüllung

Schnell

Verdammt sind nicht die Scheinwerfer

Zu hell?

Durch Schönheitswahn gibt’s das Zu-schlank-sein nie

Egal wenn Buli..,Buli..,Bulim…

Oberflächlichka..ka,..fläch, flach

 

Doch die Musik beginnt zu stocken wie eine abgenutzte Schallplatte, die zu oft aufgelegt wurde. Nur der Clown scheint zu bemerken, dass die hübschen Models von ihren Laufstegen fallen; weibliche Teenager einem Frauenbild nachjagen, was sie zum Sexobjekt degradiert. Der neue „Übermensch“ ist keineswegs ein Hinterweltler. Er ist der Immanenz verhaftet. Nur der: Sinn…lichkeit, Begierde, Gier. Blinder Konsum lockt einen vom Fragen, vom Suchen weg. Was ist der Mensch? „Sind Sie eher der sportliche oder der sensitive Typ?“ „Ich bin ein Charakter!“ Anstelle eines Über-Ichs, trat ein Über-Selbst: Der Armanianzug. Die Gucchi- Handtasche. Keine Ichs mehr. Haben wir nicht längst den Übermenschen kreiert: Nein, es sind nicht diese armen Seelen, die nicht einmal wissen, dass sie existieren. Er ist körperlos. Mitleidlos. Er nennt sich Kapitalismus. Das System der gnadenlosen freien Markwirtschaft. Es kümmert ihn nicht, wenn Studenten auf Schlaf- und Aufputschmittel angewiesen sind oder die Armut steigt. Wenn eine Arbeitskraft fällt, wartet die nächste in Ihren Startlöchern. So erhält sich das System selbst und Protest wird im Keim erstickt. Keiner hat mehr Zeit dafür, angesichts eines vollen Stundenplans und Anwesenheitspflicht. Pandora hat ihre Büchse geöffnet.

Keine Winterwanderschaften mehr! Der Narr will sich nicht in den Nihilismus flüchten. Und er will auch keiner jener Übermenschen sein! Er will einfach nur Mensch sein: Suchen dürfen.

 

Auf dem Grund der Büchse fand er das Mittel gegen die Plage der Einsamkeit.

 

Der Clown greift zur Laterne,

wird er es finden? Das Licht der Wahrheit.

Noch mehr Laternen, viele Lichter

(Irrlichter?)

die anderen Clowns