Augsburger Allgemeine April 2015

PHILOSOPHY SLAM- Über die Glatze zu den wirklich großen Fragen
Humorvoll, geistreich, ernst präsentiert sich das junge Augsburger Format. Es schürft tief und unterhält doch dabei               

 

HampFoto: Wolfgang Diekamp

 

Sebastian Hamp (rechts) bekam als Sieger des Philosphy Slams einen symbolischen Schierlingsbecher von Organisator und Philosoph Gerhard Hofweber (links) überreicht.

„Stefan hat Glatze.“ Dieser Satz sage alles. Hier lassen sich die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Naturwissenschaft und Philosophie modellhaft diskutieren. Sebastian Hamp, Augsburger, Philosoph, Ethnologe und Archäologe macht es vor: „Die Glatze ist Detail, Beiwerk. Denn: Sie kann nicht ohne Stefan. Stefan hingegen steht für sich, er ist Substanz, nicht nur angehängte Eigenschaft.“ Die Übertragung geht so: Naturwissenschaft beschäftigt sich mit Detailfragen. Sie ist Glatze, kann nicht allein, ist auf andere angewiesen. Stefan aber ist das Wesentliche, das, worauf sich Philosophie konzentriert. Nur sie kann über das naturwissenschaftliche Kleinklein hinaus die Daseinsprinzipien erforschen. Trotzdem und leider, so Hamp auf der Bühne der Soho Stage, haben ökonomisches und naturwissenschaftliches Denken in unserer Gesellschaft das Heft in der Hand. „Sauwichtig“ sei Philosophie höchstens noch dort, wo sie mit Patchwork-Buddhismus, Schwitzyoga und Veganismus verwechselt werde.

Der umtriebige Hamp mit den starken Adjektiven misst sich mit drei weiteren Bewerbern im Augsburger Philosophy Slam. Dieser elfte Wettstreit, organisiert von Studentin Sabina Hüttinger und – wie gewohnt – dem Philosophen und Lebenscoach Gerhard Hofweber, ist ein Selbstläufer. Der Andrang ist groß und die 100 Zuschauerplätze sind schnell vergeben. Hofweber gilt als Erfinder dieses Bühnenformats in Deutschland und machte Augsburg 2008 zum ersten Austragungsort eines Philosophy Slams.

Die Stimmung in der Soho Stage ist aufgeräumt. Es darf diskutiert werden, und erstmals bestimmt am Ende keine Fachjury den Besten, sondern – wie bei einem Poetry Slam – das Publikum mit der Lautstärke seines Beifalls.

Außer Hamp stehen der Literaturwissenschaftler Benjamin Huber, der Squash-Bundesligist Niklas Becher sowie die Kunst- und Philosophiestudentin Lane Ziegler im Ring und wenden sich intensiv den substanziellen Fragen der Menschheit zu. Huber, der inzwischen in München lebt, wird von seinem Zukunfts-Ich gequält. Trotzig, poetisch und geistreich nimmt er die Oberflächlichkeit unseres Daseins auseinander, in dem sich zuviel um Höchstleistung, Ultraschall-Zahnbürsten und Selbstfindungsgurus dreht. Funktionieren ist alles. Aber auch Jesus sagte nicht: „Selig sind die Highperformer“. Hubers Rat: Das Zukunfts-Ich auf Abstand halten und sich auf ein Getränk einladen.

Während Mitbewerberin Lane Ziegler über die Strafprozessordnung, Märtyrer, Plato und das Höhlengleichnis zur Wahrheit und ihrer Relativität findet, lässt der erst 19-jährige Niklas Becher den Perfektionsdruck ab. Das perfekte Auto, mit den perfekten zwei Kindern, viel Geld, das zu verdienen auch noch cool aussieht, und: ein Supermodel auf dem Beifahrersitz. Ausbrechen ist angesagt.

Bei allen vier Bewerbern zeigt sich, Philosophie ist nicht nur Gelehrtenrede, sondern eine Möglichkeit, zu sich selbst vorzudringen. Und auf der Bühne inszeniert, nimmt man auch noch andere mit auf diese Reise. Am Ende kürte das Publikum Sebastian Hamp lautstark zum Gewinner.

 Von Stefanie Schoene

 

Hier als PDF: Artikel 04.04.