Augsburger Allgemeine: 11. Februar 2011

Die Katzenfrau treibt’s zum rosa Schuh

Mit Brechtzitaten stürzen sich die Redner lustvoll in die Analyse der Realitäten Von Alois Knoller

Foto Lane Feb 2011

Ist sie womöglich eine Katze in Menschengestalt? Lane Ziegler lässt die Frage offen. Virtuos theatralisch umkreist die Jurastudentin im Kostüm der Catwoman auf der Bühne des Philosophy Slams im Textilmuseum (tim) ihre Selbstfindung um Ich, Du-Ich und Nicht-Ich. Bert Brecht hilft ihr mit markigen Zitaten. Ja, der Mensch ist zerrissen, er will gut sein, lebt aber nur von der Missetat. Das weibliche Geschlecht ist obendrein noch dem Trieb zum schicken Schuh unterworfen und führt ein Leben in Rosa unter dem Diktat der Unvernunft.

Nach fünf furiosen Akten ist die Dreier-Jury zwar etwas ratlos, aber restlos hingerissen. Wieder einmal erobert sich die pfiffige Frau am Mittwochabend den Schierlingsbecher für den besten Vortrag. Konsequent hatte Lane Ziegler beherzigt, dass dieser Slam innerhalb des Brecht-Festivals stattfand. Es lag eigentlich nahe, den Dichter zu bedenken, der immerhin den philosophiefreundlichen Ausspruch geprägt hat: „Das Denken gehört zu den größten Vergnügen der menschlichen Rasse.

Durchaus wörtlich nahm dies Birte Platow, als wissenschaftliche Theologin in der Jury und seit sieben Wochen glückliche Mutter. Die Problematik von Bildern fiel ihr auf, als sie die Ultraschallaufnahmen ihres Embryos als Beweismittel ihrer Schwangerschaft verwendete. Diese Bilder prägten ihre Wahrnehmung des Kindes vor allem anderen Empfinden, sie ermöglichen „ein sehr frühes Verfügbarmachen“. Ob das biblische Bilderverbot nicht besser gewesen wäre, damit ein Geschöpf voraussetzungslos ins Leben treten kann?, fragte Birte Platow.

Tassilo Koller, Systemadministrator in einem Bauunternehmen, unterzog Thilo Sarrazins Thesen im Eilmarsch der Gedanken einer erkenntniskritischen Analyse. Theoretische Modelle betrachten immer einen Ausschnitt der Realität unter bestimmten Aspekten. Je komplexer eine Theorie werde, desto weiter entferne sie sich als Ansammlung einzelner solcher Modellbildungen von ihren Quellen. „Sie sehen einer Statistik nicht an, wie sie entstanden ist“, erklärte Koller.

Jürgen Trittin, den Gottesleugner („Er hat mir noch nie geholfen“), und den Dalai Lama verband der evangelische Religionslehrer Peter Biet vom Holbein-Gymnasium in einem anregenden Vortrag mit der christlichen Dreifaltigkeitslehre. So vertieft war er in seinen Text, dass er hartnäckig alle Signale der Tuba überhörte, dass seine Zeit um sei.

Rasant wurde es bei Gitta Donges-Herbel, die zum Slam extra aus Wetzlar angereist war. Das Verhältnis von Mensch und Maschine hechelte sie von der Passivität vor der Glotze bis zu der Tücke der Selbstbedienung von der angenehmen Beschleunigung eines Vorgangs bis zur totalen Indienstnahme durch Automaten und zur maschinengerechten Optimierung jedes Einzelnen durch. Gerhard Hofweber, der Initiator des Philosophy Slams, und tim-Hausherr Karl Borromäus Murr priesen als Juroren vor allem die dadaistischen Qualitäten ihres Vortrags.

Den Schierlingsbecher des Publikums holte sich jedoch (wieder einmal) der nordschwäbische Landwirt Bernhard Sailer. In seiner „Dreifaltigkeit der Philosophie“ mit der Liebe als Bindeglied brachte er lässig einige Brechtzitate unter