Allem Anfang wohnt ein Irrsein inne – Eine medizynische Betrachtung

Allem Anfang wohnt ein Irrsein inne – Eine medizynische Betrachtung

Walther von Eulensteyn, Potsdam, 22.10.2014

Keine Menschenkenntnis. – Sogar unsere Psychologen sind heutzutage nicht mehr wert als die lebenden Zahlenapparate, die selbst noch hinter ihren Maschinen sitzend, beispielsweise ein Wirtschaftswachstum berechnen wollen. Sie sind Statistiker geworden, die ewig mit Fragebögen wedelnd am Leben voll vorbeischießen, was nun bei Weitem nichts mit Menschenkenntnis zu tun hat. Die Statistik und ihre Grammatik, sprich die Zahl und deren Operatoren sind das Prinzip oder das Darstellungsmittel des Mechanischen, das heißt, des Berechenbaren, was wiederum das Tote beschreibt. Was sollte aber gerade ein Psychologe zu fassen wissen, wenn nicht genau das Gegenteilige davon, ergo das Werdende anstelle des Gewordenen, das Unberechenbare, das Drängende im Gegensatz zum Erstarrten, im Ganzen betrachtet die Vitalfunktion des Lebens? Der heutige Psychologe hat nichts gemein mit einem Menschenkenner und die Ausbildung sieht auch genau dies nicht vor. Stattdessen wird er zu einem blinden und stummen Abakus ausgebildet, ihm gehen die Wörter aus und es bleiben lediglich die „exakten“ Zahlen übrig; er ist also im Wesentlichen ein Gehirntank, der letzten Endes selbst durch eine Maschine ersetzt werden könnte. Er funktioniert, indem er sich und seine Methode „kontrollierbar“ gemacht hat, also der Naturwissenschaft, die ja lediglich beschreibt und nicht erklärt, den kleinen Finger gereicht hat.

Wir hingegen, mit einem philosophischen Blick schauend, berühren hier die prinzipielle Unvereinbarkeit von Mechanik und Organik und stellen fest, dass in Anbetracht der Zahl das gesamte Leben vom Tod unterminiert wird und dass wir genau dies Bannen des Lebendigen in tote Formen „Exaktheit“ und „Effizienz“ nennen. Etwas Organisches zu verstehen ist dabei allerdings weit mehr als der bloße Akt des Erkennens und Beschreibens und setzt ganz im Gegensatz zur Mathematik einen enormen Erfahrungsreichtum, einen gewissen Grad an Belesenheit und im Ganzen gesehen eine Menschenkenntnis voraus, die nicht an der Schule oder Universität gelehrt werden kann. Ein auf Menschenkenntnis ausgebildeter Psychologe wird also etwas höchst Seltenes sein, eine Ausnahmeerscheinung, die man nicht ohne Grund in anderen Kulturen als Guru bezeichnet, auf den man selbstredend von der mathematisch-westlichen Seite mit Spott blickt, weil er seine Methodik schließlich nicht beweisen kann und all sein Tun auf pure Suggestion zurückführbar sein könnte. Hat man allerdings den Zusammenhang zwischen der Zahl und dem Prinzip des Toten nachvollzogen und zieht man folglich die Ergebnisse der empirischen Forschung von der westlichen Psychologie ab, was bleibt dann mehr als eine Psychologie, die sich ohnehin ohne das Standbein der Philosophie hinkend vornüberstolpernd gebärend, lediglich der entschuldigenden Autosuggestion: „Wir wollten doch nur helfen“ hingibt? Die Empirie, also der Glaube an die Wahrscheinlichkeit und ihre wissenschaftliche Ethik der Wahrscheinlichkeitshörigkeit, die den Glauben an die Mechanik abgelöst hat, ist ja selbst lediglich der kulturelle Ausdruck ein paar weniger Jahrzehnte und dass sie dabei ihren Anspruch zumindest innerhalb der Psychologie verfehlt hat, hat sie auch bereits bewiesen, denn auch der Humanwissenschaftler will eher noch eine metaphysische Erlösung aus seinen Kausalschlüssen ziehen, indem er seine physikalische Realität an ein Werdendes legt.

Der Grundfehler ist hier, dass der Untersuchungsgegenstand der Physik ein Sein ist, das Organische aber immer ein Werdendes oder ein Gewordenes. Sicher, die Wörter mögen dabei ebenso bedeutungslos sein wie die Zahlen. Der Unterschied liegt allein darin, dass die Wörter das Leben beflügeln können, während die Zahlen auf der Seite des Todes hantieren. Jeder ehrliche Physiker weiß im Gegensatz zum Psychologen allerdings, dass er nur Phänomene mathematisch isolieren kann und diese damit idealisiert. Auf welcher Seite steht nun aber unsere Humanwissenschaft? Wir müssen hier konkreter werden:

Ein Beispiel nun bezogen auf die psychischen Krankheiten, um die es hier vordergründig gehen soll, liefert uns Jean Amerié: „Wir sprechen vom échec (ich übersetze das als Existenzkrise) und vom Weltekel, der den Todesekel mit umgreift. Beide sind Phänomene, denen die Wissenschaften Psychologie und Psychiatrie ihre Dignität geraubt haben. Sie stellen sie hin als Krankheiten, wohlwissend und einverständlich, daß Krankheit Schande ist. Die Forschungszweige meinen, sie wüßten manches über die für sie krankhaften Zustände von Weltekel und échec. In Wahrheit kennen sie nur Verhaltensweisen. Nicht mehr, als Konrad Lorenz von seinen lieben Graugänsen versteht, wissen sie vom Menschen.“

Ein anders Beispiel stammt aus der antiken Philosophie: Die antike Vorstellung der Ataraxie wäre heutzutage sicherlich der Inbegriff einer affektiven Störung, die irgendwo zwischen Depression und psychischem Hirntod anzusiedeln wäre. Dazu möchte ich völlig schweigen von der Konnotation der Apathie. Soziologisch käme noch ihre höchst asoziale Komponente hinzu, und würde man in dieser Verfassung noch behaupten, man sei Philosoph, so wäre die nächste Nervenklinik sicher nicht mehr weit entfernt. Man übernimmt aus antiken Tugendethiken die Begriffe, die man heute in die diagnostischen Manuale psychischer Störungen überträgt. Apathie, Ataraxie, Alexithymie (Gefühlsblindheit), das sind stoische Ideale eines Weisen! Ganz zu schweigen von der Wohltat des Menschen, der zum Schweigen in der Lage ist, also jemandem, der heutzutage unter Mutismus leidet. Auf die Spitze treiben könnte man das Ganz noch, indem man sich das Verhalten und die Lehren der antiken Kyniker anschaut und diese mit der Symptomatik einer antisozialen Persönlichkeitsstörungen vergleicht. Was damals eine Lehrmeinung war, ist heute nicht mehr als eine Krankheit des Geistes. Dies bedeutet für mich nun eine radikale Einschränkung des Geistes und damit ein moralisches Denk- und Handlungsverbot. Wo damals noch der Philosoph die Seelenkunde innehatte, sitzen heute diejenigen, die genau zu separieren verstehen zwischen tauglich und untauglich für den Nutzen der Gesellschaft, denn nur auf diesen Nutzen hin wird Krankheit heute definiert. Ohnehin: Willst du auf dieser Welt den Verrückten spielen, dann sieh zu, dass du damit Geld verdienst, weil dir ansonsten nur noch die Psychiatrie offensteht.

Denn was die Philosophen einst nicht erklären konnten, das galt ihnen als göttlich, und später litten sie selbst an ihrer Krankheit, die sie Gott nannten und opferten sich ihren „Ideen“. Es ist sogar die Diagnose eines Verrückten überliefert, von dem man ganz konkret sagte, er habe die Götter, was wahrscheinlich einer heutigen Schizophrenie entspricht. Heute gilt das, was nicht oder nur schlecht erklärt werden kann ohne eben diesen Interpretationsumweg als krank. Damit hängt nun dem gesamten Phänomen der Krankheit eine zutiefst negative Konnotation an. Die Masse hat gesiegt, denn sie staunt nicht länger über die Ausnahme, sondern ist auf allen Ebenen bemüht, dieses Andere, das heißt Neue, das heißt Fremde in ihren Griff zu bekommen.

Dabei hat die Krankheit schon immer ihren Sinn innerhalb der Menschheitsgeschichte gehabt. Wir gehen nur sehr undankbar mit dieser um. Ich nenne dies: „The survival of the sickest“: und bezeichne damit den Kampf der Unangepassten, die jeweils ihr Label aufgedrückt bekommen und letztlich doch die Masse auf subtile Weise anführen. Fitness hingegen: Das bedeutet schon bei Darwin nicht etwa Stärke und Durchsetzungsvermögen, sondern schlichtweg eine Adaptionsfähigkeit an das bereits Bestehende. Ich sehe daher im Konformismus, also dem Einfluss der Angepassten keinen Beitrag zur Evolution, sondern geradezu das Entgegengesetzte: Eine Involution. Wieso sollte man auch das fördern, was ohnehin massenhaft vorhanden ist? In einem übervollen Garten schadet es nichts, wenn etwas liegenbleibt und verdorrt und damit wiederum zum Dünger für die folgende Ernte wird. Gebt daher lieber acht auf eure Kranken, eure Krüppel, eure Verrückten, denn sie sind die wahrlich Non-Konformen, die gänzlich Unangepassten, die neue Formen aufzeigen, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt als sich die neue Nischen zu erfinden, die erst wesentlich später für die Massen hausbar gemacht werden können. Die Not machte schon immer erfinderisch und der Kampf mit der Unangepasstheit ist immer eine Pionierarbeit, auf dessen Schultern der einzig mögliche Fortschritt des Lebens lastet. Dies ist freilich ein einsamer Weg und mitnichten eine Aufgabe für ganze Krankengruppen wie etwa die Religionen, die die Kranken nicht krank sein lassen und sie sämtlich ihrer kreativen Schöpfungskraft berauben, indem sie ihre Schafe wie Kinder auf ein Morgen oder ein Jenseits vertrösten. Nur die Janusköpfigkeit der Ausnahme, in der sich sowohl die Krankheit von heute als auch die Gesundheit von morgen reflektieren, leistet dies.

Der sogenannte „Automatismus des Leidens“ entspricht dabei exakt jenem des Glücks; sogar in jenem Punkt, dass man es an jeder Ecke finden kann. Ist das Leiden aber nicht bereits ein Akt der Erkenntnis, verstanden als ein Fragen nach seinen Ursachen? Woher sonst sollte ein Phänomen stammen, das die Psychiatrie als „Depressiven Realismus“ bezeichnet und das gleichsam ein Lobgesang der Melancholie wie eine Absage der höheren Erkenntnis an den glücklichen, das heißt den im Stillstand durch seiner sich selbst vorgespielten Selbstzufriedenheit verharrenden Menschen bedeutet. „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen“, soweit einer von Wittgensteins wenigen wichtigen Sätzen. Er bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem eine Ethik der Aufrichtigkeit, die der Depressive verfolgt und die ihm zu seinem Wohle (als auch dem Wohle der Gesellschaft) ausgeredet werden soll. Weniger Realität bedeutet den Ärzten weniger Depression und damit einhergehend weniger Leidensdruck. Sie sind geheilt, haben mitunter aber auch ihre eigene Essenz dafür geopfert, die sich wie so oft in einer Krankheit manifestiert. Wieso aber nicht diese Daseinsambivalenz integrieren und zu so etwas wie einem produktiven Oblomow oder zumindest zu einem weniger fabulierenden Hamlet werden? Dabei halte ich selbstredend auch den unproduktiven Oblomow für ein Genie, während die Psychiatrie seinen Namen tatsächlich für die Beschreibung einer parasitären, faulen und willensschwachen Persönlichkeitsstruktur missbrauchte. Das finde ich allerdings ebenfalls parasitär, faul und willensschwach, sich Begriffe aus der Literatur zu stehlen und also eine Fiktion auf die Realität zu beziehen und diese moralisch aufzuladen.

Die (klinische) Psychologie muss also auf die Probleme der Gesellschaft einwirken und nicht andersherum, sich die Probleme der Gesellschaft zum Brotverdienst machen. Was ist denn daran gemessen die Leistung an der Volksgesundheit, wenn man bei allem Tun und Wirken lediglich den allgemeinen Krankheitsbegriff verbreitert und die diagnostische Manuale Seite um Seite mit recht willkürlicher Symptomatik füllt. In Wahrheit nämlich braucht der Arzt ähnlich dem Priester seine kranke Herde und er wird schon von daher kein sonderliches Interesse daran haben, die Irrenhäuser (analog zu den Kirchengemeinden) aufzulösen und sich damit einer eigentlich ärztlichen Beschäftigung zu widmen: Der Erziehung des Menschen im Umgang mit seinem Geist und Körper. Damit aber hätte er tatsächlich auch den Gesundheitsbegriff erweitert. Als Philosoph jedenfalls kommt man gar nicht länger hinterher, zu all den erfundenen Scheinkrankheiten neue Gesundheiten zu finden. So fragen wir noch vor der Diagnose: Was bringt dem Klienten seine Krankheit? Wir erweitern Freuds Begriff vom „Krankheitsgewinn“ deutlich und fragen auf moralischer Ebene weiter: Ist eine Heilung im Sinne einer Befreiung von der Krankheit überhaupt vertretbar? Können etwa Substitute gefunden werden? Aber dies ist bereits Teil einer philosophischen Therapie, die noch überhaupt nicht geschrieben wurde. Zunächst würde diese das Kapitel von den polaren Gegensätzen „krank“ und „gesund“ endgültig verwerfen und stattdessen die hier möglichen Zwischenwelten auszuloten versuchen. Zudem würde sie von vornherein erst einmal den Plural von „Gesundheit“ bilden, um überhaupt ein Gegenwicht zu dem Übermaß an Krankheiten zu finden. Denn wir lernen nicht am Kranken, was Gesundheit ist! Wir lernen an den Gesunden, dass es mindestens so viele Gesundheiten wie Krankheiten gibt und in dem Maße wie der Psychologe heutzutage sein disease-mongering betreibt, müssen die Philosophen neue Gesundheiten als geistigen Stimulus und also Heilmethode erfinden.

Die Psychologie müsste also hernach zunächst wieder einmal lernen, rigoros ihr eigenes Fach zu hinterfragen und sich das Bewusstsein seiner Zeitlichkeit, nämlich, dass es auch mit der empirischen Methode einmal ein Ende haben wird, aneignen. Dafür müsste sie aber wiederum in den Schoß der skeptischen Philosophie zurückkehren. Überhaupt ist die Angina animi der Philosophie, also die Krankheit das Gefühl zu haben im Sterben begriffen zu sein, eine höchst lächerliche Bescheidenheit. Seneca hat dies bereits auf den Punkt gebracht, indem er feststellt: „Ohne Philosophieren ist der Geist krank.“ Wir nun müssen nun im Sinne Nietzsches wieder zu „Ärzten der Kultur“ werden.

Man darf das Ganze nicht falsch verstehen: Ich will keinesfalls die Möglichkeit der Krankheit als solcher leugnen und damit in einen äußerst gefährlichen Schwachsinn verfallen, wie dies beispielsweise bei Mary Baker-Eddy der Fall war und bis heute vor allem in den Vereinigten Staaten nachbrütet. Ich will allerdings auch nicht die Möglichkeit der Gesundheit leugnen wie dies heutzutage so gerne getan wird! Ist es beispielsweise aufgefallen, dass es eigentlich keine natürlichen Todesursachen mehr gibt? Man stirbt immer an irgendetwas! Mir aber geht es allein um die Quantitäten, dem Aufwiegen von Krankheiten gegen mögliche Gesundheiten, denn mitunter liegt hinter mancher Krankheit noch eine tiefere Gesundheit verborgen, die dem Menschen aber in der Regel ausgeredet wird. Damit wird er aber tatsächlich krank (gemacht) und um seine mögliche Inkubationszeit beraubt. Wie sollte er eine Chance haben, seine spezifische Gesundheit zu finden? Und dabei spreche ich noch gar nicht von der soziologischen Repression die eine Gleichung aus den Attributen „krank“ und „unnütz“ macht.

Was also gilt es zu beachten? Die (klinische) Psychologie muss noch viel mehr Philosophie in sich aufnehmen als sie es gegenwärtig ertragen könnte. „Medicus philosophus, deo equalis!” Der wissenschaftliche Anspruch der Psychologie jedenfalls negiert sich selbst an dieser Stelle betreffs ihrer eigentlichen Aufgabe, die selbst nicht mit wissenschaftlichen Kriterien anzupacken ist, weil sie nichts anders als die Erziehung des Menschen selbst, also Philosophie darstellt. Und der Mensch will sich noch lieber selbst heilen als auf Götter oder Ärzte zu vertrauen! Man nahm ihm nur die Mittel, die Kompetenzen und das Selbstvertrauen dazu aus der eigenen Hand! Dies mache ich gegenwärtig daran fest, dass die Grenze zwischen Arzneimitteln und Drogen, also zwischen Fremd- und Selbstmedikation immer aufgeweichter wird. Man denke hierbei nur einmal an die Abteilung halbesoterischer Wirkstoffe, die mittlerweile jeder Supermarkt veräußert. So findet man das ad usum proprium schon längst nicht mehr nur auf ärztlichen Rezepten: Es wird beim Wort genommen. Dabei ist es allein die Absicht, welche zwischen Droge und Medizin, Genuss- und Heilmittel unterscheidet. Somit ist denn jede Selbstmedikation eine Drogeneinnahme, der Wille des Anderen hingegen Medizin. Woher kommt doch noch einmal das Wort „Pharmazie“? Ich will euch daran erinnern, dass es vom griechischen φαρμακός stammt und einstmals das Menschenopfer bezeichnete, das den Anderen als Reinigungsritual diente! An was fehlt es also? Sicher nicht an denen, die auch heute noch geopfert werden, aber an Philosophen, die in die Welt hinausziehen und uns neue Gesundheiten finden! Wir vergessen immerzu, dass „Krankheit“ und „Gesundheit“ nur zwei Extreme beschreiben und dass es zwischen diesen Worten mögliche Welten gibt, für die wir lediglich der Wörter entbehren.

In summa: Man muss auch die Saturnalien, und zwar mindestens halbjährlich, innerhalb der Psychiatrie feiern. Solange der klinische Psychologe versucht, die Menschen an die Gesellschaft anzupassen, solange muss der Philosoph es unternehmen, die Gesellschaft so zu formen, dass sie möglichst genau dem entspricht, was das Menschsein bedeutet.

Die Psychologen hingegen haben sich, und dies oft ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, zu den neuartigen Tugendwächtern emporgehoben und haben damit das Amt des Priesters übernommen. Hat man beispielsweise verstanden, dass sich vor allem die sogenannten Persönlichkeitsstörungen nicht nur in einer halbwillkürlich konstruierten Pathogenese auflösen lassen, sondern auch darin, dass sich ihr Erscheinungstyp nicht mit den Sitten und Konventionen der Masse vereinbaren lässt: dass diese „Klienten“ ganz menschlich gesehen nicht krank, sondern ganz einfach unmoralisch sind?

Die alte Frage, ob wir uns der Moral, die sich wie gezeigt an der gängigen Krankheitsdefinition festmachen lässt, anpassen sollen oder wir es versuchen, die Moral an unseren Bedürfnissen festzumachen, ist hiermit entschieden. Die Ethik folgt immer aus der Anthropologie und nicht andersherum! Wir fragen nicht, etwa mittels Psychiatrie: „Wie wollt ihr den Menschen haben?“, sondern es geht wesentlich bescheidener, wesentlich grundlegender zu, wenn wir fragen: „Was ist der Mensch und was können wir von ihm im besten Fall erwarten?“

Dem seichtgedachten „Entweder-Oder“ der Psychiatrie muss also ein tiefergehendes „Sowohl-als-auch“ entgegengeworfen werden, indem man die zahlreichen Zwischenwelten unter, über und inmitten von den Vorurteilen von „krank“ und „gesund“ aufzeigt. Sind auch wir aufrichtig, so halten wir fest, dass eine Krankheit zuallererst als ein möglicher Lebensweg aufzufassen ist, während der sinnvolle Wandel auf eben diesem in so manchem Fall als wichtiger als die Gesundung selbst zu betrachten sein mag.