Achtsam

Achtsam

Michael Friedrichs, Augsburg 3.6.2014

Haben Sie schon mal im Duden nachgesehen, ob man „fünfmal“ in einem Wort schreibt oder in zweien? Dann sind Sie sicher auf das Stichwort „acht“ verwiesen worden, denn dort versammelt der Duden die Varianten und Zweifelsfälle der Groß, Klein- und Getrenntschreibung bei Zahlwörtern, und nun wissen Sie: die Acht ist die erste Zahl im Alphabet (in der deutschen Sprache). Es hat einen eigenen Reiz, die Namen der Zahlen alphabetisch zu sortieren statt nach ihrem Wert, das ergibt: acht drei eins fünf neun null sechs sieben vier zwei. Klingt weitgehend sinnfrei, vielleicht ist das eine Telefonnummer, es könnte auch eine Einstiegsfrage bei Wer wird Millionär sein, „Sortieren Sie folgende Zahlen alphabetisch“, vielleicht war es das schon längst.

Acht hat nicht nur diese Besonderheit, im Zahlen-Alphabet vornedran zu stehen. Das Wort weist in mehrere weitere Bedeutungsrichtungen. Wenn man zum Beispiel sagt, „gib acht“, dann sind meist nicht acht Spielkarten gemeint, sondern man soll dringend aufpassen. Zum Beispiel bei „Peter und der Wolf“: Peter warnt den kleinen Vogel, als er die Katze heranschleichen sieht, mit dem Ausruf: „Gib acht“. Und es funktioniert (bei Prokofjev), der Vogel fliegt auf den Baum.

„Acht geben“ oder „sich in Acht nehmen“, beides hat mit Aufmerksamkeit zu tun, aber die Bedeutung der beiden Ausdrücke ist nicht ganz dieselbe, meine ich. Beim Achtgeben soll man akut hier und jetzt aufpassen, es ist eine Matheaufgabe zu lösen oder es ist anderweitig Gefahr im Verzug. Aber wenn man sich in Acht nimmt oder nehmen soll, ist das längerfristig gemeint, vielleicht sogar fürs ganze Leben, wenn etwa Marlene Dietrich warnt, „Nimm dich in acht vor blonden Frauen, sie haben so etwas Gewisses.“

Wenn ich es richtig verstanden habe, leitet sich die Zahl acht vom althochdeutschen ahto ab, das Substantiv Acht im Sinne von Aufmerksamkeit dagegen vom Althochdeutschen ahta. Feine Unterschiede.

Dann gibt es noch die weitere Bedeutung von Acht im Sinne von „in Acht und Bann“, „Ächtung“. Der Zustand der Rechtlosigkeit. Eine Machtinstanz verhängt die Acht über einen Menschen, er steht damit außerhalb des gesellschaftlichen Regelwerks. Ich vermute, dass das die Urform der im Fußball so ungern aus der Nähe gesehenen Roten Karte ist.
Vom Wort acht abgeleitet ist das Verb „achten“. Ich achte jemanden, ich respektiere sie oder ihn, mit dem Unterton: Ich mag die Person allerdings nicht auffallend gerne. Ich „achte auf“ jemanden oder etwas, auf den Gegenverkehr, auf meine Worte. Da ist Vorsicht mit dabei, keine falsche Bewegung oder Äußerung. Oder aber ich achte jetzt mal besonders auf den linken Verteidiger, dann geht es einfach um konzentrierte Beobachtung, ich will alles mitbekommen, was da gerade passiert.
Es gibt weitere Besonderheiten zu „beachten“: Ein auf Linksabbieger Achtender ist was anderes als ein in der Morgendämmerung auf die Lichtung tretender Achtender.

Und noch ein Sonderfall, den wir aussortieren können: „achter“ oder achtern ist niederdeutsch für „after“, also hinten (nähere Ausführungen wären für diese distinguierte Versammlung unpassend).

Wer es an der erforderlichen Aufmerksamkeit fehlen lässt, verhält sich „achtlos“. Es ist ein Unterton dabei, damit ist eine Kritik verbunden, wie mir scheint. Es ist fehlendes Bemühen, mangelndes Engagement, fehlendes Umwelt- oder sogar Unrechtsbewusstsein. Dazu ein paar Beispiele aus dem Netz: „Das Spiel von Mainz 05 gegen Braunschweig war laut Frankfurter Rundschau harmlos und achtlos. – Speisereste nicht achtlos wegwerfen. – Eine achtlos weggeworfene Zigarette hat einen Waldbrand verursacht.“ Achtlos ist damit schon sehr nah an fahrlässig, vor allem, wenn eine kleine Ursache eine große Wirkung hat.

Der oder jedenfalls ein Gegenbegriff zu achtlos ist „achtsam“. Ein merkwürdiges Wort, wirkt irgendwie altertümlich. Das liegt wohl an der Endung -sam. Ja, sie kommt ziemlich direkt aus dem Althochdeutschen, eine der Bedeutungen ist „voll von“, denken wir an heilsam oder mühsam. Von dem Typ gibt es zahlreiche Wörter, gehorsam, sparsam, strebsam – eine ganze Gruppe von Adjektiven auf -sam bezeichnet Charaktereigenschaften, achtsam gehört dazu. Abgeleitet gibt es die Achtsamkeit, und von beidem auch die Verneinung, unachtsam und Unachtsamkeit.

Das für mich Erstaunliche ist nun, dass der Begriff „Unachtsamkeit“ im Deutschen viel häufiger verwendet wird als der Begriff „Achtsamkeit“. Bei unser aller Entscheidungshilfe Google kommt „Achtsamkeit“ auf gut 500.000 Fundstellen, „Unachtsamkeit“ auf mehr als vier Millionen.

Für die folgenden Beispiele bediene ich mich bei dem Korpus von Wortschatz Uni Leipzig. Beginnen wir mit der Unachtsamkeit. Am häufigsten scheint sie im Straßenverkehr vorzukommen:
Die Unachtsamkeit einer 56-jährigen Autofahrerin führte am Montagnachmittag zu einem Verkehrsunfall. (Quelle: www.badische-zeitung.de, 2010-12-21)
Unachtsamkeit gibt es aber auch im Geschäftsleben:
Als Julian davon erfährt, verlangt er von Gabriele, Ingrid wegen dieser Unachtsamkeit sofort fristlos zu entlassen. (Quelle: www.krone.at, 2011-01-11)
Und natürlich im Sport:
Durch eine Unachtsamkeit gelang St. Marienkirchen noch vor der Pause der Ausgleich. (Quelle: www.nachrichten.at, 2011-01-15)

Ebenso im täglichen Leben:
Durch Unachtsamkeit wird es Gaunern leicht gemacht: So wird lästige Werbepost komplett in den Müllcontainer geworfen – samt Kundendaten und Bestellkarte. (Quelle: www.mdr.de, 2011-01-11)

Das Bedeutungsfeld ist relativ eng, nahe dran bei achtlos, es passieren vermeidbare Fehler, im Schulunterricht würde man sagen: Flüchtigkeitsfehler. Man hätte es besser machen können, wenn man sich mehr Mühe gegeben hätte, an mangelnden Fähigkeiten hat es nicht gelegen. Im direkten Vergleich scheint mir, dass wir dem Unachtsamen weniger vorwerfen als dem Achtlosen. Unachtsamkeit für die berühmten Bruchteile einer Sekunde kann im Verkehr und Sport entscheidende Wirkung haben; Achtlosigkeit ist dagegen schon mehr eine Geisteshaltung, etwas in der Richtung von „mir doch wurscht“.
Die „Achtsamkeit“ hat ein komplizierteres Bedeutungsfeld als die Unachtsamkeit. Und das liegt in erster Linie daran, dass damit im Deutschen ein zentraler Begriff des Buddhismus bezeichnet wird. Aber schauen wir zunächst wieder auf den Wortschatz Uni Leipzig:
Der Umgang mit Naturkosmetik erfordert mehr Achtsamkeit als der Gebrauch konventioneller Kosmetik. (Quelle: www.ksta.de, 2011-01-09)
Geschossen hat das Foto Erich Tomschi, der neben Achtsamkeit und Geschick auch viel Geduld aufbrachte, um den Rothirsch mit seiner Schar äsender Hirschkühe im richtigen Moment mit der Linse einzufangen. (Quelle: www.gea.de, 2011-01-03)
Am schlimmsten: diese teuren ungarischen handgemachten Schuhe, aber dann zu wenig Achtsamkeit bei der Strumpfwahl. (Quelle: www.freitag.de, 2011-01-02)
Teilweise wird der Begriff hier wohl gleichbedeutend mit Aufmerksamkeit verwendet, aber oft kommt etwas hinzu, das man vielleicht mit Wertschätzung bezeichnen kann.

„Achtsamkeit“ ist oder war ein ganz traditionelles, eher schon altbackenes deutsches Wort. Grimms Wörterbuch von 1854 zitiert u.a. Andreas Gryphius 1650: „schau der geist. hier dient ein achtsam Ohr.“ und Immanuel Kant: „die erzwungenen achtsamkeiten in der feinen erziehung.“ Achtsamkeit ist aber, im Zuge des westlichen Interesses am Buddhismus, zu einem Schlüsselwort geworden, aufgeladen und gehypet. Amazon bietet aktuell 1916 Bücher zu diesem Thema an, davon erscheinen in diesem Jahr 255. In der Augsburger Universitätsbibliothek ist das früheste Buch, bei dem der Begriff im Titel auftaucht, „Geistestraining durch Achtsamkeit“ von Nyanaponika, gedruckt 1970.

Nyanaponika hat den Begriff als deutsche Übersetzung für das entsprechende buddhistische Konzept eingeführt. Er wurde unter dem Namen Siegmund Feniger 1901 in Hanau geboren, jüdisch erzogen, emigrierte 1935 und lebte 57 Jahre als buddhistischer Mönch v.a. in Sri Lanka. Er hat wichtige Werke aus dem traditionellen Pali-Kanon, der im 1. Jh. v.u.Z. aufgezeichnet wurde, ins Deutsche übersetzt. „Achtsamkeit“ ist seine Übersetzung für den Pali-Begriff SATIPAȚȚHĀNA.

Seitdem bezeichnet „Achtsamkeit“ sowohl ein zentrales Konzept der Meditation auf dem Weg zur Erleuchtung, wie auch die empfehlenswerte Umgangsform des Alltags, wie sie z.B. in §1 Abs. 1 der Straßenverkehrsordnung umschrieben wird: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Es gibt also zwei unterschiedliche Konzepte, die beide mit „achtsam“ ausgedrückt werden. Als der damalige Bundespräsident Horst Köhler in seiner Weihnachtsansprache 2009 angesichts des Amoklaufs von Winnenden und des Münchner S-Bahn-Mords eine „Kultur der Achtsamkeit“ anmahnte, wurde das teilweise als Signal für den Siegeszug des Buddhis¬mus interpretiert. Das aber hat der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds Horst Köhler wirklich nicht verdient.
Mit der Achtsamkeit mag es jede/r halten wie sie oder er möchte. Mir persönlich reicht oft die Zweisamkeit.